Filmkritik: „Black and Blue“ (2019)

Am 14. November startete ein Film in den deutschen Kinos, welchen wohl die meisten Otto-Normal-Kinogänger nicht auf dem Schirm haben werden: „Black and Blue“, inszeniert von dem relativ unbekannten Regisseur Deon Taylor. Und generell fällt einem auch auf, durch nur sehr dezentes Marketing und dezente Werbung, dass der Film nicht darauf abzielt ein großer Blockbuster zu werden. Und er versucht auch nicht mit aktuellen Kassenschlagern, wie etwa „Joker“, „Zombieland 2“ oder dem Blockbuster-Film „Midway“ mitzuhalten. So hat er zwar im Action- und Kommerzbereich einiges an Konkurrenz, schafft es dabei aber eine kleine aber eben feine Nische zu finden, in der sich der Film als ein gewisses Unikum entfalten kann.

Dem Action-Genre wird nicht selten eine gewissen Monotonie vorgeworfen, dabei haben es Action-Thriller meist einfacher, allerdings nur, wenn die Geschichte eben auch zündet und in den Bann ziehen kann. Denn das wichtigste Kriterium für einen vermeintlich guten Thriller ist „Spannung“. Ob diese bei dem neuen Film „Black and Blue“ (2019) mit Naomie Harris gelungen erzeugt werden kann und ob sich die Kinokarte für den Film lohnt, erfahrt Ihr in einer neuen spoilerfreien Filmkritik.

„Black and Blue“ (2019) | Official Trailer

Alicia West (gespielt von Naomie Harris) kehrte als US-Kriegsveteranin aus dem Irak in ihr altes Viertel in New Orleans zurück. Dank ihr umfangreichen Militärausbildung kann die Afroamerikanerin recht schnell als Polizistin weiterarbeiten. Sie erhofft sich dadurch, ihren Sinn für Gerechtigkeit und einen gewissen Patriotismus wieder zum Beruf werden zu lassen. Doch spricht sich das in einer Stadt, in welcher Schwarze („Black“) kleingehalten und von weißen Polizisten in blauer Uniform („Blue“) regelmäßig schikaniert und bewusst kriminalisiert werden, schnell herum. So erhält sie auch von alten Bekannten keinen wärmenden Empfang. Ganz im Gegenteil, sie sind verärgert. Auch am Arbeitsplatz sieht sich Alicia immer wieder mit Rassismus und auch Gewaltandrohungen konfrontiert, ob gegenüber ihr oder Afroamerikanern aus ihrem näheren Umfeld. Sie steht zwischen diesen Fronten, die sich immer mehr verhärten, bis sie dann unerwartet, unfreiwillig und zu ihrem Entsetzen Zeuge eines kaltblütigen Mordes an einem schwarzen Gangmitglied wird, durch ihre eigenen Leute: die Polizei. Alles gefilmt und aufgenommen mit ihrer Bodycam. Dabei wird sie von ihnen entdeckt und ein Kampf um ihr Überleben und ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt. Die Polizei will sie als Zeugin töten und beseitigen, während die Angehörigen des erschossenen Gangmitglieds denken, dass sie der Mörder ist, da sie zur Tatzeit an jenem Ort war. Keinem kann sie mehr trauen und an die Polizei kann sie sich auch nicht mehr wenden, da hinter all dem noch mehr steckt: ein Verschwörung! So muss sie sich umgehend überlegen, wie sie das Videomaterial so schnell wie möglich an die richtige Instanz weiterleiten kann, ohne dabei wieder auf reine Korruption und/oder Kriminalität zu treffen.

Es ist schade das die wenigsten Leute „Black and Blue“ im Visier haben werden, denn der Film bietet genau das Gegenteil von dem, worüber sich viele Kinogänger mittlerweile aufregen: die Monotonie des Kinos. Jedes Jahr erscheinen mehrere Blockbuster, insbesondere von Disney, die zwar oft unterhaltsam und auch bisweilen sehr gute Filme sind, aber eben kleinere Filmprojekte oft ins Aus drängen. Die bisherigen Reviews nehmen dabei den neuen Film mit Naomie Harris und Tyrese Gibson sehr gemischt auf und dementsprechend sind die Kritiken eher durchschnittlich, jedoch kann ich mich dem nicht anschließen.

Der Film ist gut geworden. Es gibt nun mal diesen einen wichtigen Faktor, den man bei einem Thriller erwartet und dieser heißt, wie eingehendes erwähnt: Spannung. Der Film ist spannend! Und somit hat er für mich das wichtigste Kriterium bereits erfüllt, denn wenn ein Film es schafft, dass ich mich über 108 Minuten zu keinem Zeitpunkt langweile, kann zumindest keine durch und durch schlechte Kritik gerechtfertigt werden.

Das Thema „Whitewashing“ im Film ist schon seit den 30er Jahren ein allgegenwärtiges Thema in der Filmindustrie. Wenn man von dieser Begrifflichkeit spricht, meinte man ursprünglich, dass für die meisten nationalunabhängigen Rollen vorzugsweise weiße US-Amerikaner/innen gecastet wurden. Dies meint also, dass selbst wenn die Hautfarbe für die Rollen keinerlei Relevanz hatte, dass diese dennoch in den meisten Fällen per se mit weißen Schauspielern besetzt wurden. Mittlerweile hat dieser Trend aber größere Ausmaße angenommen. Nicht zuletzt wenn Matt Damon als Protagonist für einen Film über die chinesische Mauer gecastet wird („The Great Wall“, 2016) oder eine schottische Schauspielerin, wie Tilda Swinton als „The Ancient One“ (ein in den Comics seit jeher asiatischer Mann) in „Doctor Strange“ aus dem selben Jahr. Und gerade deshalb war es doch wirklich erfrischend, selten und etwas Neues, dass das Drehbuch von „Black and Blue“ eine Afroamerikanerin in den Vordergrund stellt und nicht nur das, sie zur absoluten Protagonistin macht, mit nur wenigen Nebendarstellern, von denen ihr keiner den Platz streitig macht.

Naomie Harris ist spätestens als neue Moneypenny im James Bond-Klassiker „Skyfall“ (2012) der breiten Masse sehr bekannt. Aber auch durch Blockbuster, wie in dem einen oder anderen Film der „Fluch der Karibik“-Reihe (2003-2017) oder das Meisterwerk und Oscar-Preisträger „Moonlight“ (2016), erfreute sie sich sehr rasch nicht nur großer Beliebt- sondern auch Bekanntheit. Zurecht.
Und auch in diesem Film kann sie glänzen. Abgesehen davon, dass sich keiner der Darsteller fehlbesetzt anfühlt, passt sie aber wirklich perfekt in die Rolle. Wenngleich ihre Hautfarbe und ihr Geschlecht im Drehbuch eine signifikante Rolle spielen, wirken diese zwei Themen durch ihr absolut natürliches Schauspiel nie aufgesetzt oder aufgetragen. Jeden inneren Konflikt, den sie aufgrund mangelnder Gleichberechtigung vor allem seelisch entgegentreten muss, spürt man als Zuschauer und ihr Handeln und dementsprechendes Schauspiel ist zu jeder Sekunde nachvollziehbar und in einem Wort: perfekt! Und dennoch kann der Film eben nicht als Meisterwerk bezeichnet werden.

Es stimmt, dass die Dialoge im Vergleich zu ähnlichen Action-Filmen überdurchschnittlich gut gelungen und geschrieben wurden. An der Kameraarbeit gibt es auch nicht das geringste auszusetzen und sie fügt sich ruhig und hin und wieder auch rasant, je nach Storyline gut ins Geschehen ein. Das Drehbuch ist spannend und erzählt einen plausible Geschichte, die einen nicht nur von A nach B trägt, sondern auch ganz klischeehaft zum Nachdenken anregt, aber dabei kein Mysterium öffnet. Jegliche Nebendarsteller, von denen bereits einige echte Hollywood-Stars sind, wie Tyres Gibson aus der „Fast & Furios“-Reihe, Mike Coulter aus der Serie „Luke Cage“ oder Frank Grillo, welcher sich durch die „The Purge“-Filme großer Beliebtheit erfreut, all diese Stars spielen ihre Rollen absolut authentisch und zu jeder Sekunde glaubwürdig. Jedoch ermöglicht vor allem das Drehbuch der Protagonistin Naomie Harris die Möglichkeit eine kleine Charakterstudie zu entfalten, wodurch sie dennoch die Hauptfigur des Films bleibt, trotz großer star-besetzter männlicher Konkurrenz. Die Effekte, das Kostüm und das Make Up sind authentisch, gradlinig und passen sich gut bis perfekt ins Geschehen ein, auch wenn einem keine Besonderheiten auffallen. Das würde aber auch der Grundthematik ihren Raum nehmen. Die Musik ist, wie ich es mir in meinen Notizen aufschrieb, „der Hammer“! Und dennoch würde das andere Zuschauer vermutlich verwundern, da man doch schon wirklich Großartigeres gehört hat. Und das stimmt.

Doch um denn springenden Punkt zusammenzufassen, der Film weiß genau was er will, erzählen, zeigen und bewirken möchte. Er ist sich bewusst kein Meilenstein der Filmgeschichte zu werden, er ist sich auch bewusst, dass er sich nicht in die Reihe großartiger Arthaus-Filme eingliedern wird und er ist sich ebenso bewusst, dass es sich hierbei nicht um etwas „Noch-nie-Dagewesenes“ handelt. Das Drehbuch spricht aber wichtige und sehr ernste Themen an, die aber evtl. für Europäer nicht so präsent erscheinen mögen, wie für Menschen der USA, z. B. aus Detroit. Diese Form des Rassismus weißer Polizisten gegenüber der schwarzen Bevölkerung ist in viele Regionen der Vereinigten Staaten allgegenwärtig und auch für Außenstehende beängstigend. Vor allem dann, wenn man anfängt, langsam aber sicher, Parallelen in der eigenen, in diesem Fall deutschen, Gesellschaft zu entdecken.
Wenn man an diesen Punkt gelangt ist obwohl man vielleicht selbst nie mit derartiger Brutalität konfrontiert wurde, berührt einen der Film. So erwischte ich mich selbst, an wenigen Stellen, dabei, wie ich sentimental und auch sehr emotional wurde. Da es einen nun mal rein menschlich sehr bewegt, wenn andere Menschen als wirklich „anders“ abgestempelt werden und unter schlicht und ergreifend dummen, unnötigen, gefährlich antiquierten und rassistischen Denkweisen leiden müssen.

Zwar bedient der Film gewisse Klischees der Filmgeschichte und das Drehbuch lebt an manchen Stellen von glücklichen Zufällen, doch stört dies einen nicht, da man sich mit eben genau dieser Erwartungshaltung in den Kinosessel setzt. Man erwartet Unterhaltung, Spannung und ein angemessenes Schauspiel und all das wird einem geboten, sogar noch eine kleine aber feine Nuance mehr als das.

Kriterien:

  1. 7/10 Drehbuch: die Story ist kein Meisterwerk und auch nicht sonderlich facettenreich, aber sie versucht eben auch nicht etwas zu sein, was sie nicht ist; erzählt eine ernsthafte Geschichte in ernsthafter Weise und man fiebert jederzeit mit den Protagonisten mit; sehr gut gelungen, aber eben kein Meisterwerk
  2. 8/10 Protagonisten: Naomie Harris‘ schauspielerische Leistung wird mir nach diesem Film nachhaltig im Gedächtnis bleiben, wenngleich diese natürlich kein Oscar-Anwärter ist; alle anderen Nebendarsteller fügen sich ohne Probleme und überzeugend in die Szenerie ein
  3. 7/10 Kameraarbeit: die Kameraarbeit ist gut; nicht mehr aber eben auch nicht weniger
  4. 7/10 Szenenbild: das Szenenbild ist jederzeit authentisch; die Stadt Detroit dient hier natürlich vorrangig als Kulisse und gibt dem Zuschauer oftmals einen erschreckenden Einblick in Armut und manchmal daraus resultierender Kriminalität
  5. 8/10 Kostüm, Make Up, Visual Effects: die Effekte (Wunden, Explosionen etc.) wirken allesamt handgemacht und echt/realistisch; die Kostüme beschränken sich vorrangig natürlich auf die Polizeiuniform, welcher man aber stets abnimmt, dass sie genau so aussieht

7,4/10 Gesamtwertung

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