Filmkritik: „Eli“ (2019)

Filme, die von den Emotionen des Publikums und der Zuschauer leben fahren meist einen sehr schmalen Grad zwischen Meisterwerk, guter Unterhaltung oder Langeweile bis absoluter Gleichgültigkeit. Filme, die in letztere Kategorie fallen, sind meist jene, die man ebenso schnell gesehen wie vergessen hat. Und dennoch, Achtung Spoiler, werde ich versuchen mich zu erinnern und diese Kritik zu verfassen.
Die beiden Genre, die sich in die emotionale Kartei einordnen lassen, sind vor allem die Komödie/Tragödie und der Horrorfilm. Gerade bei letzterem haben in den letzten Jahren viele junge und neue, fast schon Außnahmeregisseure und Filmemacher gezeigt, dass man mit dem nötigen Feingefühl den Horror durch eine neue Renaissance führen kann.

Ganz gleich ob Jordan Peele („Get out“, 2017 und „Wir“, 2019), Ari Aster („Hereditary“, 2018 und „Midsommar“, 2019) oder Jennifer Kent („Der Babadook“, 2014), Regisseure die gezeigt haben, dass das unkonventionelle Kino durchaus erfolgreich und vor allem auch im Bereich des Horrors, wirklich gruselig und/oder verstörend sein kann. Zusätzlich gespickt mit Denkanstößen, durch auf Metaebenen gehobene Drehbücher. Aber natürlich sprechen diese fast schon arthausigen Filme nicht jeden Zuschauer an. Insbesondere dann, wenn Filme nicht der simplen Unterhaltung sondern der Weiterbildung dienen sollen. Doch erwartet man auch bei simplen Filmen, dass sie zumindest ein Minimum an Neuem und Originellem bieten können. Und somit eine neue spoilerfreie Filmkritik zum neuen Netflix-Original: „Eli“ (2019).

„Eli“ (2019) | Official Trailer

Der relativ unbekannte Drehbuchautor David Chirchirillo („Cheap Thrills“, 2013) stand mit seinem Skript zu „Eli“ bereits 2015 auf der Blacklist der besten umverfilmten Drehbücher in Hollywoods. Und spätestens nachdem dann der Produzent Travor Macy („Strange Things“, seit 2016) und sich Netflix selbst einschalteten und sich für den Stoff interessierten, waren für den Film die finanziellen Mittel gesichert und er ging in Produktion bis er dann Ende Oktober auf der Streamingplattform von Netflix erschien.

Nichtssagende Titel scheinen auch der neue Trend auf Netflix zu sein. Denn bereits in der Vergangenheit warb Netflix mit Horrorfilmen, wie „Marianne“ (2019) oder auch „Veronica“ (2017), so scheint es, ob Original oder ausgeliehen, dass diese nichtssagenden Titel an die Nutzer ansprechen. Doch war bereits „Veronica“ eine regelrechte Mogelpackung. Doch schien „Eli“ nun aus dieser Reihe herauszustechen.

Schnell berichteten viele User von ihren Seherlebnissen und wie verstört, sie nach dem Schauen waren. Angefixt aber auch skeptisch beäugten Kritiker den Film, denn natürlich wecken Aussagen, wie Folgende das Interesse: „i just watched Eli on netflix and i SWEAR im seeing demons out of the corner of my eyes HELP“ (Twitter-User: @dreameryukhei) oder „Watched the @netflix Paramount acquisition #ELI last night. Nice, Fight, effective Little Horror film, with a good cast and an enjoyable twist. When it was over, I immediately wanted to see what happens next, because shit just got REALLY interesting. Sequel please.“ (Twitter-User: @BurnettRM). Doch nachdem ich mir nun selbst ein Bild machen konnte frage ich mich, ob wir denn auch den selben Film gesehen haben.

Der Film beginnt unmittelbar und stellt uns gleich die us-amerikanischen Protagonisten vor, die sich scheinbar im Landesinneren aufhalten. Ich startete dabei den Film in deutsche Synchronisation, war aber von dessen Qualität nicht überzeugt, deshalb setzte ich den Film auf Englisch, im O-Ton fort.
Im Mittelpunkt des Geschehens steht der elfjährige Junge Eli (gespielt von Charlie Shotwell) und seine Eltern. Eli ist schwer krank und leidet an einer schweren Autoimmunkrankheit, sodass es ihm unmöglich ist ohne entsprechendes Schutzzelt oder entsprechenden Schutzanzug zu leben. Seine Mutter Rose (gespielt von Kelly Reilly) und sein Vater Paul (gespielt von Max Martini) kümmern sich sehr fürsorglich um ihn, auch wenn der Vater hin und wieder eine gewisse passive Aggressivität an den Tag legt.
Rose erfuhr nun aber von Dr. Isabella Horns abgeschiedenen Klink, in welcher sich Eli einer Gentherapie unterziehen soll. Das diese Operation und Behandlung, die meist ohne Narkose vonstatten geht, ernste Nebenwirkungen für Eli haben wird, ist natürlich absolut nicht vorhersehbar. Er fängt an Geister und Untote zu sehen und als Zuschauer glaubt man natürlich zu jeder Sekunde, dass dies, wie Dr. Horn sagt, nur die Nebenwirkungen sein Medikation und Operation sind. Nicht!

Zwar strahlt der Film von Anfang an ein gewisses Unbehagen aus, doch könnte der Film bereits nach weniger als 15 Minuten nicht vorhersehbarer sein. Und wenn die Chefin der Einrichtung dann auch noch von „Conjuring“-Schauspielerin Lili Taylor verkörpert wird erwartet man einen doch recht guten Horrorfilm. Erwartungen, die maßlos enttäuscht werden sollten.

Denn wenn eben nach bereits einer Viertel Stunde klar ist, dass die Chefin definitiv nicht die vertrauenswürdigste Person ist und sie auf Elis Frage „And you cured all of them?“ direkt ausweicht: „Eli, I know you’re nervous but you don’t need to be.“ Ist natürlich klar, dass Eli allen Grund dazu hat nervös zu sein. Und spätestens, wenn die Mutter Eli ermutigen möchte und sagt: „You can trust Dr. Horn, honey.“, sollte spätestens jetzt jeder Zuschauer innerhalb der ersten 15 Minuten verstanden haben, dass das Grauen auf Eli warten wird. Unvorhersehbar, langweilig, klischeehaft!
Durch diese absolute Voreingenommenheit kann auch die mysteriöse, spannende und melancholische Musik, den Film nicht mehr wirklich aufwerten. Vor allem dann, wenn einem jederzeit bewusst ist, bei wem es sich um die vermeintlich Guten und die vermeintlich Bösen handelt.

Lichtsetzung ist eines der elementaren Mittel für Horrorfilme. Doch ist es gerade bei dieser Methode von Vorteil, wenn man mit Konventionen bricht und somit den Zuschauer überrascht und den Jump-Scare nicht genau in die Stelle setzt, an welcher man diesen auch erwartet. Es ist selten dass man das über einen Horrorfilm sagen würde, aber der Schrecken startet viel zu früh. Der Film gibt sich nicht die Zeit den Horror nach und nach aufzubauen, wenngleich der erste Jump-Scare (nach ca. 20 min) einen wirklich erschreckt, also blieb ich gespannt was der Film noch bringen wird. Allerdings sollte das nicht viel sein.

Eines muss dem Film zu Gute gehalten werden, denn die Requisiten und Kostüme sehen echt, authentisch und sehr gut aus, aber beim Make-Up lässt insbesondere gegen Ende einiges zu Wünschen übrig. Doch um auf die Lichtsetzung zurückzukommen, muss gesagt werden, dass gerade diese mehr als enttäuschend und absolut klischeehaft war. Das Licht geht aus, der Schrecken bahnt sich an. Das Licht geht an, man guckt sich um und findet ihn nicht. Das Licht geht aus, der Horror sitzt einem im Nacken. Das Licht geht an, Jump-Scare. Immer das gleiche, keine Innovation, pure Langeweile.

Auch bei der gesamten Ausgangssituation handelt es sich um pures Klischee. Eli ist krank und darf mit der Außenwelt nicht in Kontakt kommen. Deshalb besucht nun eine alte Einrichtung, die atmosphärisch für in aufbereitet wurde, damit er dort ohne Schutzanzug leben kann. Viele Fenster, bedrückende und nebelige Außenwelt. Dass Eli früher oder später mit dieser Außenwelt körperlich konfrontiert wird und das ohne Schutz, ist an der Uhr abzulesen.

Absolut random taucht dann auch noch ein Mädchen auf, die sich natürlich nur zum Spaß auf dem Anwesen der Einrichtung aufhält. Sie erzählt Eli dann noch, dass sie die Chefin der Einrichtung nicht ausstehen kann: „The woman that runs this place, she doesn’t like me. I dont like her either. She’s … shifty (durchtrieben, gerissen, verschlagen).“ Woraufhin man sich als Zuschauer nur fragt: „Ok, warum gammelst du dann dort rum?!“ Machte bis zu diesem Zeitpunkt keinen Sinn das nun zu erwähnen und spoilert somit endgültig den Film.

„So, it’s, uh, it’s the medication!“ oder „Eli’s gonna get worse before he gets better.“ sind Sätze, die sich durch den gesamten Film ziehen und immer wieder verraten, das bei der Einrichtung offensichtlich etwas im Busch ist und nicht wirklich versucht wird Eli zu heilen. Wenn der Junge dann auch noch das Geheimnis lüften kann und versucht seine Eltern davon zu überzeugen so schnell, wie möglich zu gehen und diese ihm nur mit Unverständnis begegnen und einfach spontan einem Exorzismus bei ihrem Sohn zustimmen, fühlt es sich gerade beim Schreiben dieser Kritik genauso willkürlich an, wie es sich anfühlte als ich dieses Horror-Fiasko anschauen musste.

Antichristen, Exorzismus und der Sohn des Teufels. Themen die abgenutzter nicht sein könnten. Ein Film der auch nicht besser wird, wenn man kurz auflacht, weil der Abspann, wie ein umgedrehtes Kruzifix, statt von unten nach oben, von oben nach unten läuft. Der Film lässt einen mit derart vielen Fragen zurück, sodass einem die Idee kommt, dass ein wesentlich besserer Film entstanden wäre, wenn das eigentliche Drehbuch elementar gekürzt worden wäre und nur als Vorspann gedient hätte. Stattdessen hätte man das Ende als Aufhänger für eine vermutlich bessere Geschichte verwenden können. Aber so, ist „Eli“ einer der belanglosesten Horrorfilme des Jahres 2019.

Kriterien:

  1. 2/10 Drehbuch: in einem Wort: langweilig!
  2. 4/10 Protagonisten: absoluter Durchschnitt, keiner der Darsteller lässt besondere Erwähnungen zu; höchstens Charlie Shotwell als Eli kann einen noch einigermaßen überzeugen
  3. 4/10 Kameraarbeit: lässt ebenso keine besonderen Erwähnungen zu; klischeehaft und relativ langweilig; einige wenige Jump-Scores zünden, aber das wars
  4. 7/10 Szenenbild: die Kulisse und das Szenenbild sind tatsächlich recht gut geraten; Arztrequisiten wirken einigermaßen authentisch
  5. 5/10 Kostüm, Make Up, Visual Effects: hätte eigentlich besser bewertet werden können, da alles recht authentisch gestaltet wurde und sich gut ins Geschehen eingliederte; allerdings wird das Auftreten von Eli im Laufe des Films derart „verhunzt“, dass einem dieser letzte negative Eindruck im Gedächtnis bleibt

4,4/10 Gesamtwertung

Kommentar verfassen

Entdecke mehr von Der Filmkritiker

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen