Das westliche Kino ist mittlerweile doch sehr vorhersehbar geworden. Selten bieten neue Filme wirklich einzigartig Neues und gerade das Kino Hollywoods, Frankreichs oder auch Deutschlands traut sich nur selten aus den Konventionen des klassischen Filmemachens gänzlich herauszutreten.
Filme, wie „Joker“ (2019) werden dabei sehr schnell als Meisterwerk bezeichnet oder „Es: Kapitel 1“ (2017), als bester Horrorfilm des Erscheinungsjahres abgestempelt. Da ist kein Platz mehr für das experimentelle Kino. So muss heutzutage jeder Film in ein Genre gepresst werden können. „Joker“ ist ein Drama, „Avengers: Endgame“ (2019) ein Actionfilm und „Ad Astra“ (2019) ein Science-Fiction-Drama. Doch sollten Genrekombinationen wohl heutzutage nicht den Mix von Zweien überschreiten. Actioncomedy, Tragikkomödie oder ein Comicdrama sind wohl die klassischsten Kombinationen. Und doch kommen einem derartige Filme unglaublich vertraut vor, wenngleich sie sich selbst den Stempel des „Anders-Sein-Wollens“ selbst verpassten.
Todd Phillips konnte dieses Jahr mit seiner Charakterstudie über einen psychopathischen Klinikclown weltweit nicht nur das Publikum sondern auch viele Kritiker überzeugen. Erstere verhalfen ihm zu weltweiten Rekordeinnahmen, sodass „Joker“ heute als erfolgreichster R-Rated-Film gilt und letztere bescherten ihm den Hauptpreis der Filmfestspiele von Venedig: den Goldenen Löwen. Und doch, schaut man sich diesen Film an, kommt einem als Zuschauer sehr vieles sehr vertraut vor. So anders ist dieser Film nicht. Nun sind die Erwartungen jener Zuschauer, die sich „Joker“ im Kino anschauen, gänzlich andere, als jene, die sich für „Midsommar“, „Skin“ oder eben „Parasite“ dieses Jahr ein Kinoticket kauften.
Das sogenannte Popkorn-Kino darf ruhig mal mit Konventionen brechen, aber eben gerade so viel, dass man als Otto-Normal-Zuschauer immer noch das Gefühl hat einen Film anzuschauen, der wie immer in drei Akte gegliedert ist, das Gute und/oder vermeintlich Gute siegt und die Geschichte ein logisches und schlussfolgerndes Ende hat. Da reicht es heutzutage auch nur an einer Schraube zu drehen, z. B. (Achtung Spoiler zu „Es: Kapitel 2“) tötet man einfach einen der Hauptcharaktere und schon hat man den nötigen Funken von „etwas anderem“ im Film integriert. Man kann aber auch einfach den „Joker“ wild töten lassen, den einzigen Plot Twist bis ins kleinste Detail aus „Fight Club“ (1999) klauen und es als etwas Bahnbrechendes verkaufen: Was für ein kluger Schachzug!
Und so geht man am Ende aus dem Kino, war überrascht, aber eben nicht ZU überrascht, bezeichnet sich selbst als Cineast und freut sich bereits auf die nächste Hollywood-Produktion. Kurzum hat es genau diesen Vorlauf gebraucht um nun über einen wirklich einzigartigen südkoreanischen Film zu sprechen, der seit Mitte Oktober in den deutschen Kinos läuft: „Parasite“ (2019). Und somit wieder eine garantiert spoilerfreie Filmkritik.
Gerade das koreanische Kino hat oftmals bewiesen, dass sie in ihren Filmen nicht gerne mit spezifischen Genres arbeiten. Häufig kommt es dabei zu verschiedenen Mischungen, denn die Hauptpriorität liegt darin, eine doch sehr schlüssige und im besten Falle auch sehr gute Geschichte zu erzählen. Dabei spielt es dann keine Rolle, ob es sich um Tragik, Komik, Horror oder um alles zugleich handelt. Und letzteres ist nun mal auch der springende Punkt, wenn man über die Zugänglichkeit vieler Geschichten des koreanischen Kinos spricht. Das Leben ist nicht nur Freude, aber es ist ebenso nicht nur Trauer, es ist nicht nur actionreich, aber es ist auch nicht nur eintönig und langweilig. Das Leben spiegelt viele Facetten dieser Genre wieder und ist eine einzige Gefühlsansammlung unterschiedlichster Emotionen.
Hier bremst sich das westliche Kino oft selber aus. Bevor es zu krass wird, erinnert man den Zuschauer, dass er sich nach wie vor in einem Film, zum Alltag vergessen, befindet. Und wenn man den Kinobesucher doch mit Härte konfrontieren möchte, wirkt diese häufig derart überspitzt (z. B. Tarantino-Filme), dass man die Distanz zur Brutalität doch noch aufbauen und wahren kann. Es ist schließlich nur ein Film!
Doch wenn ein Film es bereits wagt, sich die Frage „Was wäre wenn …?“ zu stellen, sollte man diese Frage auch mit einem umfangreichen Drehbuch beantworten. Auf Fragen, wie diese gibt es nämlich nicht nur eine Antwort und wenn sich dann der Regisseur und Drehbuchautor Bong Joon-ho („Snowpiercer“, 2013; „Okja“, 2017) traut, nicht die erst-, nicht die zweit- und auch nicht die drittbeste Antwort darauf, als Aufhänger für ein Drehbuch und Film zu eigen zu machen, könnte ein interessanter und definitiv andersartiger Film auf einen warten.
Klassendenken, soziale Ungerechtigkeit, die Reichen und die Armen. Kontraste, die Wirkung haben, auch im Filmbereich. Sehr interessante Filme, die sich mit diesen Themen beschäftigten, waren unter anderem „High Rise“ (2016), ein Film über ein Hochhaus, in welchem unten die Ärmsten und ganz oben die Reichsten lebten oder zuletzt die Gesellschaftssatire „Wir“ (2018) von Comedy-Legende Jordan Peele oder auch ein Film von Bong Joon-ho selbst: „Snowpiercer“.
Und auch in „Parasite“ wird dieses Thema in einer unglaublichen Stärke und Intensität beleuchtet.
Während in „Snowpiercer“ die Gesellschaftsschichten horizontal unterteilt waren, nämlich in verschiedene Zugabteile (hinten die ärmsten, vorne die reichsten), ist dieses Bild in „Parasite“ wesentlich subtiler und metaphorisch gesehen vertikal angelegt: unten in der Stadt leben die armen Menschen, die aufgrund von Hochwasser auch immer wieder mit gefluteten Wohnungen zu kämpfen haben und oben im gefühlt „Gebirge“ leben die wohlhabenden und reichen Familien. Über die anderen gestellt, fernab von dem Leid, dass so viele andere erfahren. Denn hohe kalte Mauern, die den Wohlstand vom einfachen Fußvolk abgrenzen, machen die bedrückende Diskrepanz perfekt.
Die sehr arme Familie Kim, bestehend aus Mutter, Vater, einer Tochter und einem Sohn im jungen Erwachsenenalter, steht im Mittelpunkt des Geschehens. Sie leben in einem Souterrain ohne Netz und nur im besten Falle mit dem WLAN-Empfang der Nachbarn. Währenddessen urinieren ihnen betrunkene Clubbesucher immer wieder vor die Tür und lediglich das Falten von Pizzakartons kann die Familie gerade so über Wasser halten. Wenngleich sie alle ihre Begabungen haben und nicht auf den Kopf gefallen sind. Die Geschichte beginnt und der Sohn Ki-woo (gespielt von Choi Woo-shik) bekommt zufälligerweise die Möglichkeit, die Stelle eines Freundes, als Englisch-Nachhilfelehrer eines Mädchens aus wohlhabenden Hause zu übernehmen. Mithilfe eines gefälschtem Uniabschlusses schafft er es die erste Probenachhilfestunde, beobachtet von einer mehr als klassischen Helikoptermutter, zu überstehen und angestellt zu werden.
Schnell stellt Ki-woo fest, dass in dieser Familie gutes Geld zu holen ist und organisiert ein waghalsiges Unterfangen, durch welches jedes Mitglied seiner Familie Einzug in das futuristische Haus erhält, in welchem er Nachhilfeunterricht gibt. Ob als Haushälterin oder Fahrer, egal ob seine Mutter, sein Vater oder seine Schwester, jeder wird nach und nach in das große Haus eingeschleust doch ohne das Wissen der reichen Familie, dass es sich hierbei tatsächlich auch um eine einzige Familie handelt.
So scheint deren Konzept zunächst auch aufzugehen und wie ein Parasit nisten sie sich in das Haus ein, zum Leidwesen der im Zuge dessen nach und nach entlassenen vorherigen Angestellten. Doch mit jedem weiteren Tag in diesem Haus und jedem weiteren Tag, den diese Familie für ihr reiches Gegenbild arbeitet, nimmt die Angst davor erwischt zu werden ab und eine zu gesunde Selbstverständlichkeit zu, sodass gefährliche Unachtsamkeit allen zunächst nur den Job und später sogar das Leben kosten könnte.
Wie bereits erwähnt findet das koreanische Kino zu Unrecht zu wenig Beachtung, wenn man es bspw. mit dem amerikanischen Hollywood vergleicht. Dabei schaffen es Filmemacher, wie Choi Min-sik („Oldboy“, 2003) oder eben Bong Joon-ho, immer diesen einen bedeutende Schritt weiter zu gehen. Egal ob Action, Sex, Drama, Komik oder aber auch Brutalität. Doch ist damit nicht zwangsläufig die physische Brutalität gemeint, sondern eine latente brutale und schmerzende Anspannung, die den Zuschauer schnell merken lässt, dass hier etwas nicht stimmt, wenngleich der eigentliche Grund oftmals noch im Verborgenen bleibt.
Ein Storytelling, wie dieses, welches auch nicht schon wieder in klassische drei Akte unterteilt ist, wirkt dann einfach erfrischend anders. Aber in diesem Falle wirklich anders und bricht mit jeglichen Konventionen. Eine Taktik, die sich gänzlich ausbezahlt und bewehrt hat, denn das Resultat ist ein/e bedrückende/r/s Thriller, Komödie, Drama, wie kein zweiter Film es schafft. Und so ist „Parasite“ das gelungen, was im seltensten Fall funktioniert: er hat sich ein eigenes Genre geschaffen, in welchem er sich in voller Pracht entfalten kann.
Es stimmt, wenn Kritiker sagen, dass es sich hierbei um einen Film handelt, auf den man sich einlassen muss. Denn wenngleich man viele Storyelemente als klischeehaft und vielleicht auch zu simpel gestrickt ansieht, ist es eben diese Komik aber auch Dramatik, die einen zu jeder Sekunde mitfiebern lässt. Denn eines ist dieser Film ganz bestimmt: unvorhersehbar. So banal auch der Kontrast der beiden Familien wirken mag und so einfältig, wie sich die reiche Mutter bisweilen verhält, der Film überrascht einen immer und immer wieder: man lacht in Momenten, in denen man die Spannung förmlich in der Luft greifen konnte, man schweigt bedrückt, nach dem sich der Witz seinen Weg gebahnt hat und man erschrickt, nachdem man hoffte, der Schrecken sei vorbei. „Dann versteht der Film aber doch schlicht weg sein Handwerk nicht!“, könnte man meinen.
Doch es ist eben dieser emotionale Mix, der einen immer wieder daran erinnert, wenngleich das Leben nicht immer mit physischer Gewalt gespickt sein mag, Brutalität finden wir in allen Facetten: in der Schule, am Arbeitsplatz, im Freundeskreis oder in der eigenen Familie. Es ist diese absolut verständliche und zu jeder Zeit nachvollziehbare Geschichte, die bisweilen das Blut in den Adern gefrieren lässt.
Den selbst die Perversität und Brutalität, die das Drehbuch sehr häufig an den Tag legt, wirkt so echt und in manchen Momenten urkomisch auch wenn man es als Zuschauer gar nicht möchte. So kann schlicht und einfach zusammengefasst werden, dass es sich bei dem Drehbuch zu „Parasite“ um eines der vielschichtigsten, interessantesten, drastischsten und lustigsten der letzten Zeit handelt.
Dabei bekommen alle Protagonisten genügend Spielraum, um ihr schauspielerisches Talent zu entfalten und gerade deswegen möchte ich keine einzelnen Erwähnungen finden. Jeder der Darsteller fügt sich perfekt in das Gesamtbild ein und verleiht seinem/ihrem Charakter stets den nötigen Tiefgang, die nötigen Emotionen und das nötige Charisma, kurzum ein herausragendes Schauspiel, in welchem weder das Drehbuch noch die Darsteller selbst das Bedürfnis verspüren sich grundlos in den Vordergrund zu drängen.
Wenn all das auch noch mit einer hervorragenden und exzeptionellen Kameraführung (von Kyung-Pyo Hong) kombiniert wird und die Filmmusik von Jeong Jae-il einen nur in den Bann ziehen kann, fällt es einem doch recht schwer auch nur ansatzweise negative Worte über dieses Meisterwerk zu verlieren. Denn die Musik ist spannend und lässt den Puls immer wieder höher schlagen und dann wieder fast zum Stillstand bringen, der Comic Relief funktioniert und wirkt zu keiner Zeit aufgetragen (einwandfreie Komik).
Doch, um auf die Kameraarbeit zurückzukommen, spielte Kyung-Po Hong mit einer durchdachten Taktik. Denn während die ärmlichen und heruntergekommenen Szenenbilder oft sogar ohne Stativ gefilmt wurden und die Kamera zwischen den Räumlichkeiten hin und her schreitet, ist sie in der Villa auf Perfektion getrimmt: lange ruhige Kamerafahrten mit einer bestechenden Präzision.
Die Ästhetik des Szenenbilds (insbesondere das futuristische Haus der reichen Familie) brennt sich in die Netzhaut. Und der Kontrast, der zu dem abgefuckten Zuhause der armen Familie geschaffen wird, könnte besser nicht in Szene gesetzt worden sein. Die Geschichte leidet nicht unter der meisterhaften Kameraführung, sodass eine Ausgewogenheit herrscht und keines der beiden Elemente zu kurz kommt. Die Story geht, wie bereits erwähnt, an den richtigen Stellen wichtige und bedeutende Schritte weiter und kann so den wichtigen Überraschungsmoment für sich nutzen. Inszenatorisches Genie, bedrückende nervenaufreibende aber wichtige Geschichte über die Frustrationen der Armen und die Wunde, die zwischen ihnen und den Reichen klafft – Punkte, die nicht nur das Drehbuch sondern vor allem auch das Szenenbild perfekt einfängt und widerspiegeln kann.
Doch wenn der Drehbuchautor dann auch noch die Meisterklasse eines guten, nein, sehr guten Films, nein, Meisterwerks bewältigt und ein mehr als zufriedenstellendes Ende verfasst, welches schlechte Wort soll oder kann man als Kritiker dann noch verlieren?
Kriterien:
- 10/10 Drehbuch: einer der spannendesten Thriller seit langer Zeit; man weiß nie was als nächstes passiert und sollte ein Thriller nicht genau das bewirken?; bricht mit jeglichen Konventionen – endlich etwas Neues!
- 8/10 Protagonisten: keine Meisterleistungen, aber alle erfüllen ihre Rollen mit der nötigen Hingabe und man glaubt jedem Charakter, dass er eben diese Charakterzüge innehat
- 9/10 Kameraarbeit: hervorragende exzeptionelle Kameraarbeit von Kyung-Po Hong, bleibt sich aber im Genre treu; das was sie macht macht sie perfekt; für die 10 Punkte hätte dann vlt. noch das „Noch-nie-Gesehene“ gefehlt
- 10/10 Szenenbild: in einem Wort: PERFEKT; glaubhaft zu jeder Minute und die Ästhetik oder Armut raubt einem den Atem; zwar wirken die klischeehaften ärmlichen Wohnungen und die protzende Villa ein wenig überzogen, dabei aber so authentisch, dass man als Zuschauer nie Zweifel daran hat, dass sich im wahren Leben, eine derartige Geschichte an genau diesen Locations abspielen könnte
- 8/10 Kostüm, Make Up, Visual Effects: der Look des Films ist durchgehend wertig; die Effekte wirken handgemacht; eine perfekte Kombination aus Szenenbild und Kameraarbeit
9/10 Gesamtwertung

