Seit März ist Disney + (gesprochen Disney Plus) nun auch in Deutschland verfügbar. Die Vorfreude und die Erwartungen waren jedoch sehr unterschiedlich und bisweilen auch durchwachsen. Und als man sich auch hier zu Lande ein Bild vom neuen Streamingportal machen konnte, sollte man doch recht enttäuscht werden. Viel Altes, wenig Innovatives bzw. Neues. Außerdem Probleme mit der Watchlist, die teilweise frisch hinzugefügte Inhalte nicht anzeigt. Aber ein paar Eigenproduktionen oder besser gesagt Originals warteten dann doch auf einen. Doch manche von ihnen zeugten von reinster Faulheit, denn neben dem Making Of zu der Serie „The Mandalorian“, dem Film „Frozen 2“ oder einer finalen Staffel zu „Star Wars – The Clone Wars“ hat die Plattform jetzt nicht all zu viele Eigenproduktionen zu bieten. Viele Feature und Fokus, aber wenig selbstproduzierte Spielfilme und Serien. Viele, sehr viele alte Filme, aber wie bereits erwähnt wenig Innovatives.
Aber was nicht ist kann ja noch werden …
Einer der Filme, die man zumindest nicht nicht erwartet hat, aber nicht unbedingt auf dem Schirm hatte, war „Togo – The Untold True Story“ (2019), welcher mit dem Launch von Disney + zur Verfügung gestellt wurde. Dem Regisseur Ericson Core wurde damit, nach „Point Break“ (2016), mal wieder ein Abenteuerfilm anvertraut.
Es ist eine epische Geschichte, die der Film „Togo“ erzählen möchte. Eine epische Geschichte über eine, am Ende, dicke Freundschaft zwischen dem Mann Leonhard „Sepp“ Seppala (gespielt von Willem Dafoe) und seinem Hund, den er von dessen Geburt an aufwachsen sah. Doch fällt es ihm als Hundezüchter schwer emotionale Bindungen zu den Tieren aufzubauen. Für ihn sind sie „Geschäft“, sein Job. Und dieser überträgt ihm zu Beginn des Films eine schwierige Mission.
Der Januar im Jahr 1925 neigt sich dem Ende zu und Sepp bekommt von seinem Dorf/seiner Stadt den Auftrag ins entfernte Anchorage zu reisen um Medikamente für, an der Diphtherie erkrankte, Kinder zu beschaffen. Wer es noch nicht weiß – wir befinden uns in Alaska und das mitten im tiefsten Winter. Togo war zwar nun viele Jahre der Lead-Schlittenhund für Sepp, doch ist er inzwischen, mit seinen zwölf Jahren, auch nicht mehr der Jüngste. Daher ist er aber wesentlich weiser und erfahrener, als seine Schlitten-Kollegen. Der Beschluss ist gefasst und Sepp begibt sich auf die gefährlichste Reise seines Lebens, um eisigen Temperaturen, Schneestürmen und vielen weiteren Gefahren zum Trotz, seiner Stadt zu helfen und das wichtige Medikament zu besorgen. In diesem Sinne eine neue garantiert spoilerfreie Filmkritik von „Dem Filmkritiker“.
Die Geschichte beginnt. Mit recht gemäßigter Erwartungshaltung startet man den Film. Doch ist es zunächst weniger die Geschichte, über die man sich Gedanken macht, sondern das Bild an sich, das was man sieht, das was ins Auge fällt. „Hochwertig, authentisch, rough“ – in einem Wort: „wunderschön“. Die Bilder, die einem in diesem Film geboten sind atemberaubend. Das CGI ist, wie man es von Disney mittlerweile gewohnt ist, perfekt. Das mag manche nicht überraschen, aber bei einem doch recht schmalen Budget von 40 Millionen US-Dollar ist dies zumindest nicht selbstverständlich.
Aber man darf natürlich auch nicht vergessen, dass ein gewisser Druck auf dem Film und der Figur „Togo“ lag. Denn die Geschichte des mutigen Schlittenhundes ist schließlich keine Neuerfindung, sie beruht sogar auf den wahren Ereignissen, die sich, wie bereits erwähnt, auf den Ereignissen währen der Diphtherie-Epidemie 1925 in Alaska ereigneten. Doch den meisten dürfte wohl die Geschichte des Schlittenhundes Balto bekannt sein. Ihm wurde im Jahr 1997 auch der gleichnamige Film gewidmet, der sich recht großer Aufmerksamkeit erfreute. Doch kann man getrost sagen, das Togo der wahre Held dieser abenteuerlichen Geschichte ist. Beide waren sie Schlittenhunde, die Sepp bei seiner Mission unterstützten und den Schlitten zogen. Doch während Togo sein Gespann bei eisiger Kälte und Sturm und sogar über einen zugefrorenen Meeresarm leitete, war Balto tatsächlich nur der finale Überbringer der Medikamente.
Umso schöner ist es, dass Togo die alleinige Hauptrolle (zumindest von den Hunden) erhält. Es ist seine Geschichte, die mit viel Liebe, Action und einer gehörigen Portion Dramatik erzählt wird. Gerade deswegen ist es nicht unbedingt ein Kinderfilm, ebenso wenig ein Familienfilm. Es sind sehr erwachsene Themen die im Zentrum der Handlung stehen, wie Krankheit, Verlassen der Familie, Kinder kriegen und auch der Tod. Auch die Wortwahl ist auffällig erwachsen, sodass manche Worte und Phrasen vom jüngeren Publikum nicht unbedingt verstanden werden. Aber gerade mit diesem Ansatz bricht Disney doch endlich mal recht positiv aus den bisherigen Konventionen heraus.
Aber ein absolut klassisches, fast schon klischeehaftes, Disney-Stilmittel darf diesem Film natürlich auch nicht fehlen. Denn auch hier befinden wir uns wieder in dem Szenario einfältige Erwachsene und schlaue Kinder. Die Kleinen, die Welpen zeigen den Erwachsenen in irgendeiner Form, wie man richtig liebt, halten ihnen die Spiegel vor (vgl. Pinocchio aus dem Jahr 1940). Daher sind gewisse Charakterentwicklungen absehbar, sogar vorhersehbar.
Wirklich stören mag dies jedoch nicht. Lässt man sich auf eine Geschichte, wie diese, ein wird man nicht enttäuscht. Denn das wichtigste ist gegeben: eine spannende Geschichte.
Willem Dafoe, der den Schlittenführer Sepp spielt, verkörpert einen Mann, den man trotz seines anfangs mürrischen Auftreten, nur ins Herz schließen kann. Als alleinige menschliche Hauptrolle trägt er eine große Verantwortung, da er den Film tragen muss. Und das tut er. Das tut er sehr gut. Das Drehbuch mag ihm zwar immer wieder erwartbare Phrasen und Sätze aufzwingen, doch rechnet man bei einem Disney-Film nun einmal auch damit. Somit sind Drehbuch und seine schauspielerische Leistung definitiv im Einklang.
Doch ist es genau das, was dem Film fehlt: weniger Einklang. Als Zuschauer wird man nicht überrascht. CGI-Eischollen, -Wasser und -Schneestürme – hat man alles schon mal in der einen oder anderen Form gesehen. Die Naturgewalt, die hier immer wieder versucht wird darzustellen, wirkt aber immer nur wechselhaft wirklich bedrohlich. So mögen das Design und die Animation in diesem Film zwar immer wieder sehr gut sein, doch hätte man sich nicht allein darauf verlassen dürfen. Das gleiche kann über die Kameraarbeit gesagt werden: sehr gut, aber das Besondere bleibt aus.
Denn die Geschichte bleibt über die Grundhandlung hinaus recht dünn. Der Erzählstil arbeitet mit Rückblenden und wechselt zwischen dem jungen anarchischen und verspielte Togo und der Gegenwart ab. Dies friert manchmal den immensen Spannungsbogen ein, der während der Schlittenfahrt entsteht. Das mag, wenn es gezielt eingesetzt wird ein kluges Stilmittel sein, aber auf Dauer kann sich das auch selbst kannibalisieren. Soweit kam es zwar glücklicherweise nicht, dennoch wurde dadurch der spannungsgeladene Hauptplot immer wieder entdramatisiert, wenngleich der Klimax des Films etwas anderes benötigt hätte.
Ein Fazit zu fällen ist in diesem Fall weder leicht noch schwer. Es gibt Filmelemente, die einen mitreißen und die Animationen rauben einem dem Atem. Ebenso kann man nicht leugnen, das die Hunde einen Kuscheltier-Faktor inne haben und man gar nicht anders kann, als mit ihnen zu sympathisieren. Gleichzeitig verlässt sich der Film zu oft genau auf diese Elemente und das wirklich „Außergewöhnliche“ Plot-Element bleibt aus, was den Film zwar sehenswert, rasant, dramatisch und auch spannend macht, aber ihm am Ende auch kein Alleinstellungsmerkmal verleiht.
Kriterien:
- 6/10 Drehbuch: hat man in dieser und abgewandelten Formen bereits gesehen; das wäre auch kein Problem, wenn dieses Disney-Original mit zumindest einer originellen eigenen Idee überrascht hätte; ansonsten ein solides und spannendes Drehbuch
- 7/10 Protagonisten: sehr gute Charakterdarstellung durch Willem Dafoe; bisweilen aber auch recht klischeehaft, verantwortlich dafür natürlich auch das Drehbuch
- 8/10 Kameraarbeit: sehr gut; aber das Besondere fehlt
- 8/10 Szenenbild: sehr gut; aber das Besondere fehlt
- 8/10 Kostüm, Make Up, Visual Effects: sehr gut; aber das Besondere fehlt
7,4/10 Gesamtwertung

