Der Film beginnt und der Fischerchor holt tief Luft ehe er sein Ständchen anstimmt: „Come all ya young fellows that follow the sea, to me, weigh hey, blow the man down“. Ein altes Seemanns-Shanty, dass man nicht das letzte mal in diesem Film hören sollte. Doch um was geht es eigentlich? Wie die Fischernetze, wird der Zuschauer gleich zu Beginn ins kalte Wasser geworfen. Was hat es mit den singenden Fischern auf sich? Ihr Sinn und Zweck werden aber dann doch recht schnell klar. Exposition, aber in feinster Manier, in Form von singenden Fischern in der Stadt Easter Cove, an der Ostküste der USA, nicht all zu weit entfernt von Portland.
Die sehr kleine Stadt lebt bereits seit Jahrzenten vom Fischfang und auch sonst ist „Veränderung“ eher ein Fremdwort in dieser abgelegenen Gegend. Im Mittelpunkt des Geschehens und inmitten einer gewissen Trostlosigkeit stehen zwei Schwestern: Priscilla und Mary Beth Connolly (gespielt von Sophie Lowe und Morgan Saylor). Die Mutter der Geschwister starb nach einer langen schweren Krankheit und alles, was sie ihren Töchtern hinterließ war ein Berg an Schulden. Mary Beth wollte eigentlich schon vor einem Jahr ans College. Sie konnte diesen Traum aber bisher nicht verwirklichen, da sie aufgrund ihrer Mutter den Plan erst einmal auf Eis legen musste. Und jetzt, als Mary Beth und Priscilla auch noch von den hohen Schulden der Mutter erfahren, scheinen jegliche Zukunftspläne vor ihren Augen zu verblassen.
Um für eine Weile die Sorgen zu vergessen findet sich Mary Beth, am Abend der Beerdigung, in einer Kneipe wieder und ertränkt ihren Kummer in Alkohol. Dort lernt sie einen zwielichtigen Kerl namens Gorski kennen und er macht sich merklich an Mary ran. Es sollte nicht das Erste sein, was in ihr Unbehagen auslöst. Denn, als er sie „heimfahren“ möchte, findet sie in seinem Auto eine Waffe, Drogen und Blutspuren. Die Spannung zwischen den beiden hätte man greifen können, bis schließlich ein tödlicher Streit entbrennt und Mary im Laufe des gefährlichen Gefechts ihrem Angreifer eine Harpune in die Kehle jagt und ihn tötet.
Völlig verzweifelt sucht sie ihre Schwester Priscilla auf und erzählt ihr alles. Nach reichlich Diskussion ist der Entschluss gefasst und die Geschwister versenken die Leiche im Meer. Doch dann passiert etwas Unerwartetes! Sie wird an Land gespült, aber nicht die von Gorski, sondern der Leichnam einer Prostituierten aus einem bekannten Bordell. Eine heftige Debatte beginnt in der kleinen Stadt. Die Leiterin des Bordells möchte die jungen Frauen, aufgrund der Vorkommnisse, nur noch ungern am Hafen sehen. Der Pächter des Hafens weiß aber, dass die leichten Mädchen dort viele Kunden abgreifen können und verlangt deshalb einen Anteil, dann dürften die Prostituierten den Dock weiterhin nutzen. Und als wäre dies nicht skurril genug versucht eine Gruppe betagter Damen das Bordell komplett zu schließen, da es ihnen nicht in ihr Stadtbild passt.
„Der Filmkritiker“ präsentiert eine neue garantiert spoilerfreie Filmkritik.
„Blow the Man Down“ (2019) | Official Trailer
Die Produktion des Spielfilmdebuts der Regisseurinnen und Drehbuchautorinnen Bridget Savage Cole und Danielle Krudy liegt schon eine Weile zurück. Und dennoch sind die Hintergründe zum Film nach wie vor aktuell. Denn der gesamte Film mag schon fast eine gewisse Ironie inne haben, denn er sticht ohne Mühe und ohne strengen Willen in einer männerdominierten Filmlandschaft hervor. Der Titel ist da wohl das offensichtlichste Signal.
Kleinstadtleben, skurrile Charaktere und schwarzer Humor. „Blow the Man Down“ kann leicht mit Werken der Coen-Brüder verglichen werden, wie bspw. mit „Fargo“ (1996). Denn auch hier wird eine friedliche Kleinstadt von Verbrechen erschüttert, die aufdecken, dass der Ort eine dunkle Vergangenheit hat, wie Schauspielerin Marcelino Hugot und ihr Charakter Doreen sehr gut auf den Punkt bringt: „Ihr seid noch jung, aber ihr solltet wissen, dass es hier früher sehr übel zuging.“ Ein Satz, der wie viele andere und sehr bewusst nur an der Oberfläche kratzt.
Denn der Film eröffnet gleich zu Beginn verschiedene Schauplätze und präsentiert die verschiedensten Charaktere. Ein Film geschrieben, wie ein Buch, der Grund: Exposition. Grundsätzlich sollte ein Film sich stets bewusst sein, dass er den Luxus genießt alles zu zeigen, was er möchte. Es ist ein Film: zeigen, nicht erzählen. Show us! Don’t tell! Doch fühlt es sich hier in keiner Weise langweilig oder fehl am Platz an. So mutet der Film schon fast, wie ein Theaterstück an und bleibt dennoch ein Film. Die Kamera fängt schöne und geheimnisvolle Bilder ein, die Hauptdarsteller verfallen nicht karikaturistisches Verhalten und die Dialoge wurden für ein Filmdrehbuch geschrieben. Und doch kommen die dramatischen und komödiantischen Theatercharakteristica immer wieder zum Vorschein: die wiederkehrenden Schauplätze, die natürliche Komik, die klaren Strukturen in den Persönlichkeiten der Charaktere, die uns im Laufe des Films präsentiert werden.
Doch seinem Hauptgenre bleibt er trotz der experimentellen Genre-Seitenhiebe immer treu: ein durch und durch durchdachter Krimi. Denn gerade, weil er den klassischen Dorfkrimi-Merkmalen folgt, sympathisiert man als Zuschauer sehr schnell mit der Geschichte, auch wenn sie von Zeit zu Zeit zu konventionell geraten ist. Vielleicht macht aber gerade dies den Scham, den dieser Film versprüht, aus.
Die Schauspieler haben klare Menschentypen, die sie verkörpern. Charakterwandlungen gibt es nicht. Aber mit diesem Bewusstsein setzt man sich vor den Film und fängt an mitzufiebern. Man weiß genau, wer zu was im Stande wäre, doch ist sich nie sicher, ob die entsprechenden Personen auch zu ihren Mitteln und Möglichkeiten greifen werden. Man weiß genau, wer den Mädchen und ihrem Geheimnis gefährlich werden könnte und wer nicht. Doch wäre „gefährlich“ hier wohl der falsche Begriff. Denn dies würde den Film in vermeintlich gute und schlechte Charaktere einteilen. Doch ist der Dorfpolizist ein schlechter Mensch, weil er einen Mord aufklären möchte? Und sind die Mädchen gute Menschen, weil sie einen, aus der Selbstverteidigung heraus, Mord vertuschen wollen? Fragen, wie diese, geben den Protagonisten, trotz der klaren Charakterzüge, genug Tiefgang und es fällt einem nicht schwer, sich von Zeit zu Zeit mit dem einen oder anderen Dorfbewohner zu identifizieren. Und das ist wohl, trotz der recht klischeehaften Handlung der Geschichte, die größte Stärke des Films. Man fragt sich selbst, wie man in den verschiedensten kniffligen Situationen handeln würde.
Und genau in diesem Moment interessiert man sich für den Film, in diesem Moment fühlt man die Emotionen der Protagonisten, genau in diesem Moment möchte man wissen, wie diese Geschichte und komplizierte Verflechtung von Ereignissen endet oder doch ununterbrochen weitergeht, bis einem das Verheimlichen zu Kopf steigt.
Wenn ein Film 98% der Kritiker auf Rotten Tomatoes überzeugen kann, dann lohnt es sich – mit entsprechenden Erwartungen – einen Blick auf ihn zu werfen. Denn wer eine noch nie da gewesene Geschichte erwartet, wird vermutlich enttäuscht. Wer mit Arthaus-Charakter rechnet, ebenso. Im Film verstecken sich keine kameratechnischen Besonderheiten und die Geschichte wird einen nicht noch Jahre später fesseln. All das ist der Film nicht. Und er versucht es auch nicht zu sein.
Es wirkt fast so als wären die Produzenten hinter Amazon Studios an Bridget Savage Cole und Danielle Krudy herangetreten und die Worte „Drama“, „Comedy“, „Indie“ und „Krimi“ gesagt und bereits in den Köpfen der beiden Regisseure und Drehbuchautoren habe sich genau diese Geschichte manifestiert, ohne „Verkünsteln“, klare Charaktere, ein klischeehaftes, aber dennoch perfekt inszeniertes Szenenbild und eine Geschichte mit vielen Schauplätzen mitten aus dem echten Leben. Und wenn die ersten Worte des Abspanns in Sicht kommen sitzt man da und hofft nur, dass einem nicht eines Tages das gleiche Schicksal widerfährt, wie den beiden Schwestern.
Kriterien:
- 7/10 Drehbuch: versucht nicht etwas zu sein, was es nicht ist; interessante Charaktere; klare Geschichte, aber mit viel Verstrickung und dem einen oder anderen Überraschungsmoment; spannend, aber mit sehr wenigen Durststrecken
- 7/10 Protagonisten: solide schauspielerische Leistung der beiden Schwestern; alle Nebencharaktere werden gut in die Handlung eingeführt; die Konstellation der Akteuere erinnert an die eines Theaterstücks
- 7/10 Kameraarbeit: ruhige und gute Kameraarbeit, lässt allerdings keine besonderen Erwähnungen zu
- 8/10 Szenenbild: sehr gut inszeniert; mag recht klischeehaft erscheinen (Dorf, Dock, Wasser, Fischerboote), passt aber zur Geschichte und stimmt den Zuschauer zufrieden
- 7/10 Kostüm, Make Up, Visual Effects: Kostüme wirken authentisch und echt, sind dem Ort und den Charakteren angepasst (die Kleidung gibt auch oft Hinweise auf den jeweiligen Charakter); das Make Up ist ebenso solide und fällt weder außergewöhnlich positiv noch außergewöhnlich negativ auf
7,2/10 Gesamtwertung


Ein Kommentar zu “Filmkritik: „Blow the Man Down“ (2019)”
nice!! Filmkritik: „Blow the Man Down“ (2019)