Filmkritik: „Der Schacht“ (2019)

Gesellschaftliche Schichten und Klassendenken. Themen die aktueller nicht sein könnten. Gerade zu Zeiten der Coronapandemie. Solange es uns gut geht, ist uns eigentlich egal, wie sich die anderen fühlen. Unsere Empathie reicht vielleicht noch zu den Familienmitgliedern und Freunden, aber darüber hinaus? Mangelhaft.

Warum also nicht einfach einmal ein soziales Experiment starten?

Hamsterkäufe. Selten dämlich und gefährlich. Gefährlich für diejenigen, die tatsächlich in Not sind und sich gar nur ein Stück eines Produktes pro Tag leisten können, Menschen die von Tag zu Tag leben und von der Hand in den Mund. Aber zig Menschen haben sich bereits zuvor die Klopapierrollen und das Mehl unter den Nagel gerissen. Dabei hätte für den Familienvater mit Kind und Frau, die eine Packung Klopapier erst einmal gereicht und die eine Packung Mehl ebenso, da er es sich nicht leisten kann zum Bäcker zu gehen.

Warum darf er nicht mal den selben Luxus erfahren, den sich andere jeden Tag leisten können? Und damit meine ich nicht den erarbeiteten Luxus. Damit meine ich nicht das teure Auto, auf welches die Abteilungsleiterin Jahre lang hingespart hat. Und damit meine ich auch nicht die Villa am Stadtrand, auf welche das verheiratete Pärchen hingearbeitet hat, damit es sich den Platz für sich und die drei Kinder leisten kann.
Ich meine den Luxus der Selbstverständlichkeit werden sollte. Wir sprechen stets von einem bedingungslosen Grundeinkommen, aber was ist mit einer bedingungslosen Grundernährung? Wie wäre es sein Essen stets zu teilen? Essensreste, die ganz geblieben und verzehrbar sind nicht wegzuschmeißen, sondern zu spenden? Gerade in Zeiten, wie diesen! Und damit eine neue spoilerfreie Filmkritik zu einem extrem harten und denkanstoßenden spanischen Film: „Der Schacht“ (2019), welcher seit dem 20. März auf Netflix zum Streamen abrufbar ist.

„Der Schacht“ (2020) | Official Trailer

Benjamin Lee vom Guardian erklärt, der Film folgt einem teuflischen Rezept, das sich von Elementen aus „Cube“ (1997), „Saw“ (2004) und „Snowpiercer“ (2013) zusammensetze und dennoch eine ganz eigene Schärfe aufweise. Besser hätte man jenes Seherlebnis, welches man beim Schauen des Films hat, nicht zusammenfassen können.

Der Film überliefert die Beengung eines „Cube“, die Brutalität eines „Saw“ und die Raffinesse eines „Snowpiercer“ und kombiniert all das zu einem mehr als nur sehenswerten Film.

Der Film fängt bereits spannend an und das Setting, in welches er eingebettet wurde, ist atemberaubend. Auch die Handlung, wenngleich sie ebenso simpel, wie banal und doch genial ist.
Man stelle sich ein Supergefängnis vor. In jeder Zelle sind maximal zwei Menschen und jeder von ihnen darf EINEN Gegenstand für seine Haftzeit mitnehmen. Nur sind es eben keine Zellen sondern Etagen, viele, viele Etagen. Um genau zu sein: 333 Etagen. Eine vertikale Linie, die von beängstigten Höhen bis in die dunkle und grausame Tiefe reicht. So ist jenes Supergefängnis aufgebaut, in welches sich der junge Mann Goreng einliefern lässt, für sechs Monate. Denn nach dieser Zeit soll ein anerkannter Abschluss auf ihn warten.

Die erste Etage auf welcher er sich wiederfindet ist die Ebene 48. Unwissend darüber, wie viele Ebenen es eigentlich gibt, lernt er dort den egozentrischen und scheinbar einfältigen Tramagasi kennen. Zusammen sollen sie nun also einen Monat zusammenleben, denn nach jedem Monat wechselt man die Etage nach dem Zufallsprinzip. Wie bereits erwähnt ist das Gebäude vertikal aufgebaut und hunderte Meter hoch bzw. tief, wie mans sieht. In der Mitte der Etagen ist ein Loch, durch welches eine Plattform mit Essen und Getränken von oben nach unten fährt. Jede Etage soll sich daran ernähren. Doch weiß niemand ob überhaupt genug Essen in den letzten Etagen ankommt. So denkt hier jeder nur an sich. Die ersten bekommen ein festliches Mahl präsentiert, die letzten, das was die darüber übrig gelassen haben. Essensreste, matschigen Kuchen, ausgespuckte Hühnerknochen, sogar Kotze oder Blut von klaffenden Wunden. Es ist ekelhaft, findet auch Goreng. Doch muss es doch eine Möglichkeit geben, dass alle Etagen, genug von dem riesigen Mahl abbekommen.

Das Thema des Films könnte aktueller nicht sein. Reiner Egoismus treibt die Menschen derzeit in die Supermärkte und lässt sie das Essen zu Hause horten. Doch: Es wäre und ist genug für alle da! Stellvertretend für die Supermärkte sehen wir in diesem Film die massive Steinplattform, welche Essen und Trinken von Zelle zu Zelle transportiert um sie mit den nötigen Lebensmitteln zu versorgen. Doch ist die Not scheinbar groß. Befindet man sich nich unter den ersten ca. zehn Zellen bekommt man schon zerpflücktes Fleisch, zermatschten Kuchen und abgenagte Knochen vorgesetzt. Das was die Etagen darüber nun mal übrig lassen. Nun hat dieses Gefängnis aber 333 Etagen. Man könnte versucht sein von der Ober-, Mittel- und Unterschicht zu reden. Jedoch kann das Grauen in diesem Film jeden treffen. Jeden Monat landet man auf einer anderen Etage und das zufällig und ohne Vorankündigung. Entweder speist man wie die Könige oder im schlimmsten Fall für einen gesamten Monat nicht einen Apfel. Ein sadistisches Spiel, das die Empathie der Menschen auf eine harte Probe stellt. Denn die Frage bleibt: Wovon ernähren sich die letzten Etagen, die unter Umständen gar kein Essen mehr abbekommen?

Dieses Gefängnis ist ein Sinnbild für unsere Welt. Eine Welt, oftmals getrieben von Gier und Eifersucht: Man möchte das haben, was anderen gegönnt wird, aber mir verwehrt bleibt! Doch hätte die Unterschicht Geduld und die Oberschicht im Umkehrschluss das nötige Maß an Empathie … wäre genug für alle da!

Der Film kann neben dieser grandiosen Message aber auch noch mit vielem mehr punkten. Das Kostüm und Make Up sind zwar praktisch gehalten, aber wahnsinnig gut und fügen sich stets in das raffiniert geschriebene Drehbuch mit ein. Besonders der Gegenstand, welchen jeder Insasse mitnehmen darf, sagt viel über die verschiedenen Charaktere aus. Wir, als Zuschauer, verfolgen aber immer nur einen: Goreng, wunderbar gespielt von Iván Massagué. Der spanische Schauspieler ist zwar in diesem Film nicht sonderlich wandelbar, aber gerade das ist es, was einen so fasziniert. Den trotz all der inhumanen, ja gerade zu abscheulichen Charaktere, die er in den sechs Monaten trifft, bleibt er sich und seinem Charakter weitestgehend treu. Man könnte sagen ein Gutmensch. Aber wenn „Gutmensch“ schon bedeutet, empathisch zu sein und sein Essen und Trinken mit anderen zu teilen, dann möchte man eigentlich nicht wissen, welchen Charakter die Egoisten dieses Gefängnisses innehaben.

Ein brutaler Film: Story-technisch als auch visuell. Viele Bilder brennen sich in die Netzhaut ein und die am Ende wirklich traurige Geschichte nimmt einen mit und regt, wie in einer heftigen Glosse ganz klischeehaft zum Nachdenken an.

Ein brutaler Film, welcher einen auch noch im Nachhinein nicht loslässt!

Kriterien:

  1. 8/10 Drehbuch: ein raffiniertes Drehbuch, welches sich die (meine geliebte) Frage „Was wäre wenn?“ stellt; gerade in der jetzigen Zeit liefert das Drehbuch viele Denkanstöße, wenngleich sehr brutal; Wie viel brauche ich tatsächlich zum Leben und wie viel kann ich abgeben?; ein brutaler Film, der einen noch viele Tage beschäftigen wird
  2. 7/10 Protagonisten: solide Perfomances der Protagonsiten; das Drehbuch sorgt dafür, dass alle recht starr und eindimensional wirken, doch erinnert dieser Film fast schon an ein Kammerspiel und das ist gut, denn jeder Schauspieler erfüllt, wie im Theater eine ganz bestimmte Rolle; Charaktere, die man auch im echten Leben wiederfindet
  3. 8/10 Kameraarbeit: die Kameraarbeit ist zwar nicht alltäglich, aber auch nicht zu außergewöhnlich; sowas hat man schon einmal gesehen; fügt sich aber toll in die Szenerie ein und hält eiskalt auf die Brutalität, die der Film bisweilen an den Tag legt drauf
  4. 10/10 Szenenbild: das Szenenbild ist einem Wort: perfekt; ein abgefucktes Gefängnis und viele abgefuckte Insassen; die verschiedenen Zellen transportieren im Rahmen eines beängstigenden Realismus ein Engegefühl, welches einen so schnell nicht mehr loslässt
  5. 8/10 Kostüm, Make Up, Visual Effects: das Kostüm ist handgemacht, so tragen die Insassen die Gefängnisuniform; Wunden, Blut etc. sehen echt und handgemacht aus und die Effekte rund um das Gefängnis sind grundsolide und absolut authentisch; allerdings nicht zu außergewöhnlich, würde aber auch der eigentlichen Geschichte und den Protagonisten zu viel Platz nehmen

8,2/10 Gesamtwertung

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