… Claas-Hendrik Relotius, junger Hamburger, 33 Jahre jung, Journalist. Preisgekrönter Journalist. Vielfach wurde er für seine journalistischen Werke ausgezeichnet, zuletzt für einige Artikel des SPIEGEL.
Es war einmal in Deutschland, wir schreiben das Jahr 2018, ein Reporter. Er wollte von Anbeginn seiner journalistischen Karriere groß rauskommen. Mit einem absolvierten Kultur- und Politikwissenschaftsstudium setzte er den Grundstein für seine literarische Karriere. Davon könnten die Gebrüder Grimm nur ein Lied singen, doch noch lange keine Märchen schreiben. Um solche Literaturergüsse von der Feder oder eben der Tastatur aufs Blatt zu zaubern, bedarf es Jahre langer Übung. Lügen kann schließlich nicht jeder.
Aber, Lügen kann zweifelsohne jeder lernen. Alles was man dafür machen muss ist eben Kultur- und Politikwissenschaften studieren und bei einigen renommierten Zeitungen arbeiten, für mindestens ein Märchen einen Preis kassieren und schon kann man lügen so viel und so oft man möchte. Ach ja, und krank. Krank muss man natürlich auch sein: „Ich bin krank, und ich muss mir jetzt helfen lassen.“
„Blind Date“ ist eine der vielen Stories die an nicht nur einer Stelle Fragen aufwirft und die „gute Recherche“, die zu diesem Text geführt haben soll in Frage stellt. Was genau an der Liebesgeschichte zwischen einer FBI-Übersetzerin und eines deutschen IS-Kämpfers erfunden war, ist allerdings noch unklar.
Für seine Geschichte „Tochdown“ rief Relotius die Eltern des Football-Stars Colin Kaepernick an, um eine persönliche Meinung in den Text mit zu etablieren. Das Telefonat hat nie stattgefunden.
Doch einer seiner tiefgründigsten Texte war ein Portrait einer Holocaust-Überlebenden: „Die letzte Zeugin“, erschienen im März 2018. Ein ruhiger Schreibstil und eine geschmackvolle Wortwahl verhalfen dem Text und Claas Relotius zu einer relativ großen Bekanntheit. Man hätte nicht einmal die Echtheit anprangern können, so ernst war das Thema, so wichtig wäre Unverfälschtheit gewesen. Und dennoch wird ein derartig filigranes Thema mit dem Vorschlaghammer, anstatt mit dem Skalpell behandelt. Kein Wunder also, dass am Ende das eine oder andere Zitat hinzugedichtet werden musste.
Tja, und wenn er nicht gestorben ist, dann dichtet er vermutlich noch heute.
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