Filmkritik: „Es: Kapitel 2“ (2019)

2017 veröffentlichte Warner Bros. die Neuauflage des ersten Parts des Fernsehzweiteilers „Es“ aus dem Jahr 1990. Der Film, dem der gleichnamige Stephen King-Roman zu Grunde liegt gilt bis heute als Klassiker. So schreibt das Lexikon des internationalen Films über ihn: „Beachtliche (Fernseh-)Verfilmung eines Horror-Romans von Stephen King, die geschickt eine bedrohliche Atmosphäre aufbaut und auf unnötige blutige Effekte verzichtet. Für Freunde des Genres spannende Unterhaltung.“

So waren es große Fußstapfen in die Andrés Muschietti trat, als er die Regie für das Remake übernahm um eine Neuauflage zu inszenieren. Mit Erfolg. Innerhalb weniger Wochen erreichte und brach „Es“ viele Rekorde: zum Einen der beste Horrorfilm-Start und zweitbester Filmstart eines R-Ratings aller Zeiten. Darüber hinaus löste er „The Green Mile“ (1999) als erfolgreichste Stephen-King-Verfilmung ab und nur wenige Tage später galt er sogar als erfolgreichster Horrorfilm überhaupt und überholte somit sogar der All-Time-Klassiker „Der Exorzist“, aus dem Jahr 1973.

Doch bereits dem ersten Film konnte man zwar einiges an Lob zusprechen, aber auch die einen oder anderen Kritikpunkte waren nicht zu übersehen. Zum Einen war er wahnsinnig vorhersehbar. Nun kann man natürlich mit der Romanvorlage argumentieren und das der Film deshalb an eine bestimmte Chronologie gebunden ist, aber nichtsdestotrotz hätte er mit der einen oder anderen Überraschung aufwarten müssen, um mehr als ein nur kommerziell-orientiertes Publikum abzuholen. Aber: ein solider Start in die Geschichte.

Für „Es 2“ kündigte Andrés Muschietti bereits an, dass die Zuschauer auf so einiges gefasst sein sollten und das die Messlatte des Grauens nochmal höher gelegt wird: wer den ersten Teil bereits gruselig fand, solle die Fortsetzung erst einmal abwarten.

Große Worte. Folge: hohe Erwartungen. Erwartungen die maßlos enttäuscht werden sollten.
Der Film ließ schon zu Beginn an auf Großes hoffen. Düster war die Atmosphäre, nicht so kindlich wie im Vorgänger. 27 Jahre nach den Ereignissen des ersten Teils ist Pennywise, das am liebsten als Mörderclown auftretende Monster, zurück. So wird uns direkt das kreative Grauen und die blanke Brutalität auf dem Silbertablett serviert, nur um den Klimax des Films direkt am Anfang regelrecht zu „verbraten“. Pennywise mordet wieder und ist zurück und damit eine neue spoilerfreie Filmkritik.

„IT: Chapter Two“ (2019) | Official Trailer

Der einzige der damaligen „Verlierer“, der noch in Derry wohnt ist Mike Hanlon. Und als dieser mitbekommt, dass „Es“ zurück ist, folgt die wohl klischeehafteste Sequenz, des ganzen Films. Ein Mitglied nach dem anderen ruft er an, um ihnen mitzuteilen, dass Pennywise zurück ist. Und das zieht den ohnehin zu lang geratenen Film, noch weiter unnötig in die Länge. So wirkt der Anfang generisch und erzwungen und schon von Beginn an einfach langweilig. Die Charaktere haben sich teilweise um die 20 Jahre nicht mehr gesehen und dennoch auf der einen Seite verhalten sie sich beim Wiedersehen so, als wären sie nie getrennt gewesen und gleichzeitig kommt einem selbst, als Zuschauer ein befremdliches Gefühl auf. Denn wenngleich wir die Figuren, bereits aus dem ersten Teil kennen, die Schauspieler nicht. Und somit hätte im Drehbuch zumindest ein wenig mehr Wert darauf gelegt werden müssen, dass der emotionale Ankerpunkt beim Zuschauer direkt wieder gelegt wird. Das ist allerdings nicht der Fall. Und so interessiert es einen als Zuschauer auch nur recht wenig, wenn gleich zu Beginn und gegen Ende der eine oder andere Charakter stirbt. Wahnsinnig trivial und selbst für die Geschichte, hat es so gut wie keinerlei Relevanz, wodurch man sich schon fragt, wie egal dieser Verlust den „Verlierern“ eigentlich ist, denn bis auf die letzten Minuten des Films, wird nicht einmal über deren/dessen Tod gesprochen. Somit hat einer der beiden Charaktere so gut, wie keine Daseinsberechtigung, wenn sein Tod nicht mal im kleinsten Maße, die Geschichte mit beeinflusst.

So weist das Drehbuch aber immer wieder zwar keine Logiklöcher, aber schlechte Ideen auf. Denn es ist doch recht traurig und sprechen tut es auch für sich, wenn die besten Szenen des Films, die sind in denen Flashbacks zu den Kindern gezeigt werden. Außerdem handelte der erste Teil davon, dass Pennywise immer wieder in den „gruseligsten“ (Ansichtssache) Gestalten auftauchte um die Kinder zu erschrecken und von ihrer Angst zu leben. Dabei kam doch recht häufig immense Spannung auf und die Kreativität der Drehbuchautoren war überraschend unheimlich. Diese Taktik tritt in diesem Film nur noch bedingt auf.

Doch gerade die Anfangssequenz ließ auf großes hoffen. Sie war düster und vor allem brutal. Vielleicht nicht unerwartet, aber irgendwie fühlte man sich doch selbst dabei ertappt, wenn man für einen Moment nicht fassen konnte was passiert ist. Das der Film dann jedoch derart schnell an Tempo und „Gruselfaktor“ einbüßen sollte, das war dann doch sehr enttäuschend. Die Erwachsenen der Stadt Derry, sind wieder mal allesamt „Freaks“, handeln generisch und das Nicht-vorhanden-sein ihrer Beweggründe ist wieder mal zu keiner Sekunde nachvollziehbar.
Dazu noch billige Eigenwerbung für Warner Bros. und der, an eine nahezu Katastrophe grenzende, Film ist fertig.

Wieder einmal baut Andrés Muschietti sehr viel Comic Relief mit ein, insbesondere für Komiker-Legende Bill Hader. Tatsächlich sind er und sein Charakter, neben dem hervorragenden CGI, die einzigen Lichtblicke des Films. Jedoch stellt sich schon die Frage, ob es sinngemäß ist, dass eine durch einen Starcomedian gecastete Rolle, den unterhaltsamsten Teil eines Horrorfilms ausmacht. Will man sich nicht eigentlich gruseln?

Doch eben das fällt einem als Zuschauer sehr schwer. Da kann das CGI noch so atemberaubend sein (Stichwort: „Glühwürmchen“), da kann die durchkomponierte Musik noch so viel Gänsehaut auslösen. Wenn all das mit mangelndem schauspielerischen Talent und einem teilweise fast sinnbefreiten Drehbuch kombiniert wird, ergibt das noch lange keinen sehenswerten Film.
Hinzu kommt, dass manche Ideen und Einfälle aus anderen Filmen geklaut sind. Da es sich hier um einen übernatürlichen Horrorfilm handelt, stört es eigentlich zunächst nicht, wenn auch übernatürliches passiert. So auch in einer Szene, als die Verlierer an einer bestimmten Stelle unter Wasser tauchen, aber an einer ganz anderen Stelle wieder auftauchen, ohne sich selbst von der Stelle bewegt zu haben: aber dann fällt einem auf, diese Szene ist aus „A Nightmare on Elm Street“ (2010) geklaut.

Aber insbesondere die Dialoge schmerzen, als Zuschauer. Sie wirken generisch und oft scheinen sie so geschrieben zu sein, dass der Zuschauer auch wirklich zu jeder Sekunde folgen kann. Jedoch ist es eher die viel zu lange Laufzeit von zwei Stunden und 50 Minuten, die dafür sorgt, dass das Wort „Sehvergnügen“ seinen Namen nicht verdient hat. Generische Sätze, wie „Wir waren damals nicht allein und werden es diesmal auch nicht sein“ oder „Hier. Es tötet Monster.“ [Echt?] „Ja! Wenn du dran glaubst!“
Es bluten einem die Ohren …

Am Ende des Films reden alle über einen der beiden Toten, während der andere bereits vergessen wurde? Teilweise werden die Dialoge so klischeehaft, dass man sie als Zuschauer mitsprechen kann, ohne den Film zu kennen (ich denke das spricht Bände)!

Bill Skarsgård liefert zwar wieder einmal eine tolle Performance als Pennywise ab, kann den Karren aber nicht aus dem Dreck ziehen. Die Tatsache, dass er alle Gesichtsausdrücke und seine Mimik tatsächlich selbst performend, ohne Visual Effects, ist bestaunenswert. Insbesondere seine Lippen und das eine flüchtende Auge machten Pennywise schließlich auch aus. Im ersten Teil meinte Muschietti bereits, er wolle das Schielen, nachträglich digital einfügen, doch sagte Bill Skarsgård, dass das nicht nötig sei, er könne das selbst. So bleibt einem sein Auftritt noch am ehesten im Gedächtnis.

Einige der Rollen sind aber auch völlig fehlbesetzt, insbesondere „Bill“, der Stotterer aus dem ersten Teil. James McAvoy verkörpert hier die erwachsene Version und sein Charakter hat offensichtlich das Stottern hinter sich gelassen und kann inzwischen normal reden. Bis „Es“ zurückkehrt und wieder einmal kann man an der Uhr ablesen, was passiert und er fängt wieder an zu stottern. Oder James Ransone (die erwachsene Version von Eddie) kriegt einen plötzlichen Asthmaanfall zum genau passenden Zeitpunkt. Das ist kein gutes Drehbuchschreiben oder, wie Deadpool sagen würde: „That’s just lazy writing!“

Darüber hinaus schafft es keiner, die ohnehin schlecht geschriebenen Figuren glaubhaft auf die Leinwand zu bringen.

Es ist traurig, was einem hier geboten wurde, gerade nachdem Andrés Muschietti solch vielversprechende Worte verloren hatte. Aber mehr als ein weiterer klischeehafter Horrorfilm durfte es wohl nicht werden. In diesem Falle sogar schneller vergessen, als man ihn gesehen hat. Visuell eine Glanzleistung, story-technisch eine, noch milde ausgedrückt, Katastrophe.

Kriterien:

  1. 2/10 Drehbuch: noch weniger als Klischee; man geht nach dem ersten Teil natürlich mit einer gewissen Erwartungshaltung heran und erwartet einen weiteren klischeehaften aber dennoch guten Horrorfilm und wird maßlos enttäuscht
  2. 4/10 Protagonisten: teilweise gut gecastet und teilweise völlige Fehlbesetzungen; man spürt aber leider zwischen den Hauptdarstellern nicht mehr die selbe Chemie, wie damals zwischen den Kinderschauspielern; Bill Skarsgård und Bill Hader liefern die einzigen Lichtblicke des Films
  3. 6/10 Kameraarbeit: die Kameraarbeit ist durchaus gut geworden, lässt dabei aber auch keine besonderen Erwähnungen zu; außerdem wäre sie maßgeblich für den potentiellen Grusel verantwortlich gewesen, der leider meistens ausbleibt
  4. 8/10 Szenenbild: das Szenenbild ist wirklich schön geworden; viele der Bilder die eingefangen werden sehen wahnsinnig ästhetisch und gleichzeitig sehr gruselig aus; leider geht die Story aber nicht einher
  5. 9/10 Kostüm, Make Up, Visual Effects: die Kostüme sind praktisch gehalten; Pennywise muss hier natürlich besondere Erwähnung finden, er ist wie bereits im Vorgänger, wieder perfekt; insbesondere eine CGI-Sequenz (Stichwort: Glühwürmchen) zu Beginn des Films, bleibt einem nachhaltig im Gedächtnis

5,8/10 Gesamtwertung

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