Auch wenn die Gründung des Streamingdienstes Netflix bereits über 20 Jahre zurückliegt sind sie im Video-on-Demand-Geschäft erst seit etwas mehr als zehn Jahren tätig. Zehn Jahre voller Entwicklung und Prägung des Film-Streamings. Zehn Jahre voller und stets wachsendem Erfolg, sodass Netflix im März 2019 weltweit knapp 150 Millionen Abonnenten zählen konnte.
Damals im März 2011 kündigte Netflix an in Zukunft auch Eigenproduktionen für ihre Kunden anzubieten. Beginnend mit Serien wie „House of Cards“ (2013), Gewinner von drei Emmys, reihten sich auch viele andere Erfolgshits ein. Von „Orange is the new Black“ (2013), über die Netflix-Marvel-Serien, wie „Daredevil“ (2015) oder „Jessica Jones“ (2015) bis zu eigenen Filmen, wie der interaktive Film „Black Mirror: Bandersnatch“ (2018).
Immer wieder kommt es aber vor, dass die Produktion von Filmen von größeren Studios, wie Warner Bros. oder mittelgroßen, wie Miramax angefangen werden, diese aber im Laufe des Drehens meinen, dass sich ein Kinostart nicht rechnen wird. So übernahm Netflix nicht zuletzt den Andy Serkis‘ Film „Mowgli“ (2018), welcher ursprünglich als Warner Bros. Produktion im Kino laufen sollte.
So auch beim Film „The Perfection“ aus dem Jahr 2018. In diesem Jahr wurde der Film erstmals auf einem Filmfestival in den USA gezeigt und im Mai 2019 schließlich auf Netflix, unter der Eigenmarke veröffentlicht.
Und nur kurze Zeit darauf fingen viele User an über eben diesen Film zu twittern und ihre Meinung kundzutun. Viele waren verstört, manche angeekelt und wieder andere fanden ihn grandios, während sich manche bei Netflix beschwerten. Aber nicht weil sie den Film in irgendeiner Art und Weise schlecht fanden, sondern ihnen „wortwörtlich den Magen [verdreht]“ (Twitter: @breakfastsyrup).
Es ist inzwischen nichts Neues mehr, dass Netflix immer wieder mit dem einen oder anderen „Skandalfilm“ versucht, neue Nutzer zu gewinnen und die bestehenden bei der Stange zu halten.
Was aber nun so interessant an „The Perfection“ ist und warum eventuell die Altersempfehlung ab 16 Jahren hinterfragt werden sollte erfahrt Ihr in einer neuen garantiert spoilerfreien Filmkritik.
Die junge Charlotte Willmore (gespielt von Allison Williams) ist schon in sehr jungen Jahren ein musikalisches Ausnahmetalent, weshalb ihr früherer Cello-Mentor bereits in ihrem Kindesalter etwas ganz besonderes in ihr erkennt. Doch sieht sie sich im fortschreitenden Alter dazu gezwungen mit dem Spielen aufzuhören, da ihre Mutter schwerkrank ans Bett gebunden und sie die einzige ist, die für sie sorgen und sie pflegen kann.
So vergehen viele Jahre bis Charlotte, als junge Erwachsene, bei einer Art Gala erneut auf ihren alten Mentor trifft, aber dabei feststellen muss, dass es eine neue Schülerin gibt: Elizabeth „Lizzie“ Wells (gespielt von Logan Browning). Eine Schülerin, die Großes vor hat, aber scheinbar durch die große Zuwendung und vermeintliche Verhätschelung, nach und nach gesundheitliche Probleme bekommt und ihren Verstand zu verlieren scheint.
Einige Film-Kampagnen machen immer wieder den selben Fehler und verraten im Vorfeld, durch Trailer, Bilder oder anderes Pressematerial zu viel über ihren Film. Häufig kann so die Richtung die ein Drehbuch einschlagen wird sehr früh erahnt werden und es macht eigentlich keinen Spaß mehr, sich die Zeit für die Geschichte zu nehmen.
Dieser Fehler ist diesem Film garantiert nicht unterlaufen! Denn welche Gedanken auch immer man sich gemacht haben sollte, bevor man diesen Film sah, sie werden nicht bestätigt. Das Drehbuch kann mit einer sehr vielschichtigen und twistreichen Story aufwarten, die den Zuschauer mehr als zufrieden oder eben geschockt zurücklässt, wenn am Ende alles aufgeklärt wird.
Die beiden Hauptdarstellerinnen Allison Williams („Get out“, 2017) und Logan Browning („Hit the Floor“, 2013-2018) haben eine tolle und auch immer wieder nervenaufreibende Dynamik, die der Zuschauer förmlich spüren kann. Sie schaffen es eine überzeugende Beziehung teilweise zu imitieren und doch alle fest im Glauben zu lassen, das Verhältnis, ob auf sexueller oder freundschaftlicher Ebene, sei echt. Und in Momenten, in denen man diese Echtheit anzweifelt, überzeugen sie einen doch wieder vom Gegenteil. Ein meist toll geschriebenes Drehbuch und dabei grandios von zwei jungen, doch relativ unbekannten Schauspielerinnen umgesetzt.
Visuell ist der Film überaus künstlerisch und kreativ gestaltet. Von den Kostümen bis zum Szenenbild, passt alles und jede einzelne Szene und jeder einzelne Take brennt sich in das Auge des Zuschauers ein. Die Kostüme und Make-Up sind zwar an die Zeit angepasst, aber wechseln sich zwischen „praktisch-gehalten“ und extravagant ab.
Die Kameraführung ist ebenso nicht alltäglich, aber dabei auch nicht außergewöhnlich. Man hat derartiges schon gesehen, aber das stört nicht weiter. Es ist eine tolle Herangehensweise abzuwechseln zwischen Ton und Bild. Manchmal sieht man das Grauen aber hört es nicht und dann wieder hört man es, aber kann es nicht sehen. Und genau das ist die große Stärke des Films. Er spielt mit der Psyche der Zuschauer und lässt diesen auch immer wieder kalt auflaufen, in Momenten, in denen man es nicht erwartet hätte. Dabei wird der Film bisweilen auch relativ brutal und eben mehr oder auch weniger explizit.
Doch wenn der Film etwas zeigen möchte, dann zeigt er es i.d.R. in all seinen Facetten und der Zuschauer wird auch keine Vorwarnung bekommen und sich unter Umständen auf frischer Tat ertappt fühlen, wenn er sich den Magen hält oder gar seinen Blick vom Bildschirm oder Fernseher löst.
Dabei lässt der Film auch nicht lange auf sich warten und bereits die ersten Minuten des Films zeigen, in welche Richtung sich diese Story entwickeln könnte. „Könnte“, denn immer wieder legt der Film falsche Fährten, sodass man nie weiß, was als nächstes folgen wird, denn wenn der Film eines ist, dann unvorhersehbar und das bereitet dann doch viel Freude und baut stellenweise eine immense Spannung auf.
Die brutalen oder expliziten Szenen dominieren definitiv NICHT den Film, viel mehr ist es eine über allem liegende Spannung. Und dennoch sollte man den Film mit leerem Magen sehen, da die unter anderem abgetrennten Körperteile oder Erbrochenes dem Film nicht fern bleiben und egal ob die Kamera drauf hält oder nicht, läuft einem Otto Normalzuschauer der kalte Schauer über den Rücken.
Besondere Erwähnung sollte die Filmmusik bekommen. Denn das klassische Arrangement von Bach, über zu Mozart, bis Händel lässt einem immer wieder das Herz höher schlagen. Vor allem dann wenn durch HipHop-Tracks, wie „Ready Or Not“ von Gizzle ein sehr abwechslungsreicher und auditiv hervorragender Filmscore zusammengestellt wurde.
Wenn man sich „The Perfection“ anschaut, muss man sich bewusst sein, dass es sich um einen Psychothriller der ganz besonderen Art handelt. Dabei hat der Film auch hin und wieder seine Längen, trotz einer überschaubaren Spielfilmlänge von 90 Minuten. Allerdings fesseln sich die Augen mit fortschreitender Zeit, immer fester ans Geschehen und die mögliche Langeweile verfliegt so schnell wieder, wie sie gekommen ist. Es ist eine Thriller, der mit einer sehr vielschichtigen, twistreichen und immer wieder verstörenden Story überzeugen kann und den Zuschauer, wie in einer Glossenanalyse, zum Nachdenken anregt.
Kriterien:
- 8/10 Drehbuch: twistreich und absolut unerwartet; einige Wendungen innerhalb des Geschehens, die verstören können; Sex, Gewalt und Erbrochenes reihen sich mit ein; der Film beschäftigt einen auch noch im Nachhinein
- 8/10 Protagonisten: tolles Schauspiel, zweier Newcomer auf der großen Leinwand; stehlen den Nebendarstellern die Show, die vlt. etwas zu generisch agieren, unterstützt aber das seltsame Unbehagen, welches bei diesem Film aufkommt
- 7/10 Kameraarbeit: die Kameraführung ist definitiv etwas besonderes, ist dabei aber dennoch einfach gehalten; kann aber überzeugen
- 9/10 Szenenbild: das Szenenbild ist mit viel Liebe zum Detail gestaltet und bietet der Kamera tolle Bilder, die sich ins Gedächtnis einbrennen
- 9/10 Kostüm, Make Up, Visual Effects: das Kostüm und Make up der Figuren ist eindrucksvoll und sehr künstlerisch; man merkt ebenso die Detailverliebtheit und es ist sehr schön anzusehen; währenddessen lassen die Visual Effects keine besonderen Erwähnungen zu, sind aber grundsätzlich sehr solide
8,2/10 Gesamtwertung

