Filmkritik: „Green Book“

Am 31. Januar diesen Jahres startete ein besonderes, von Charme nur so strotzendes, Erlebnis in den deutschen Kinos: „Green Book“, der neue Film von Peter Farrelly. Ein relativ bekannter Regisseur, der aber mit Filmen wie „Movie 43“ (2013) oder „Dumm und Dümmer“ (1994) ein alles andere als anspruchsvolles Publikum ansprach.
Vor allem „Movie 43“ lies die Zuschauer mit sehr vielen Fragen zurück, wie es z. B. der Regisseur bewerkstelligte, so viele Hollywood-Ikonen (Hugh Jackman, Kate Winslet, Richard Gere oder auch Emma Stone etc.) zu überreden, bei einem derartigen Hirndurchfall mitzuspielen.

Dementsprechend wuchs vorab in einem eine gewisse Skepsis, als man mitbekam, dass sich eben dieser Regisseur (der die meisten seiner Filme, ausgenommen von „Green Book“, mit seinem Bruder inszeniert – Farrelly-Brüder) einem sehr ernsten und dennoch komödiantisch angehauchten Thema gewidmet hatte.
So führte Peter Farrelly nicht nur Regie, sondern verfasste auch das, inzwischen Oscar-preisgekrönte Drehbuch für „Green Book“. Darüber hinaus erhielt der Film nicht nur einen Oscar für den „Besten Nebendarsteller“ (Maherschala Ali), sondern brillierte auch in der Königsdisziplin als „Bester Film“ und stellte dadurch unter anderem den jetzt schon als Klassiker geltenden „Bohemian Rhapsody“ (2018) in den Schatten.

Mit weiteren Auszeichnungen, bei bspw. den Golden Globes, schlug der Film hohe Wellen. Und ob dieser Hype und all die von überschwänglicher Euphorie begleitete Kritik gerechtfertigt ist, erfahrt ihr in einer brandneuen garantiert spoilerfreien Filmkritik.

Zunächst sollte eine Empfehlung ausgesprochen werden. Die deutsche Synchronisation ist definitiv Vorreiter, im Vergleich mit allen anderen Ländern dieser Welt. Ebenso ist bekannt, dass kein anderes Land, derart viele Filme in die Landessprache übersetzt, wie Deutschland. Aber in „Green Book“ hatte ich seit langer Zeit mal wieder das Gefühl, dass viele der Dialoge an Dynamik und Originalität, durch die Synchro verloren. Folglich am besten im O-Ton ansehen.

Wie der deutsche Untertitel („Eine besondere Freundschaft“) schon erahnen lässt (warum auch immer) handelt es sich um ein klassische Buddy-Komödie kombiniert mit mustergültigen Road-Movie-Elementen der ganz besonderen Art.

Beruhend auf einer wahren Geschichte, handelt der Film von zwei Menschen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Zum Einen vom schwarzen Klassik-Pianist Don Shirley (gespielt von Mahershala Ali) und seinem weißen Fahrer und gewaltbereiten Konzertbegleiter/Bodyguard Tony Lip (gespielt von Viggo Mortensen). Gemeinsam gehen sie auf eine Tournee, angefangen in New York City bis in die Südstaaten. Ein Unterfangen, dass in den 60er Jahren der USA nicht ohne Komplikationen vonstattengehen kann. Im Zentrum ihrer Reise steht das sog. „Negro Motorist Green Book“, ein Reiseführer für Afroamerikaner. Mit dessen Hilfe sollen Restaurants, Herbergen oder auch Bars ausfindig gemacht werden, in denen das Publikum keine vermeintliche Vorbehalte gegenüber Schwarzen haben. In anderen Worten hilft es Afroamerikanern dem alltäglichen Rassismus, soweit wie möglich, zu entfliehen. Dennoch gestaltet sich ihre Reise noch komplizierter, als bereits erwartet, lässt dabei aber eine Freundschaft entstehen, die es so nur selten gibt.

Obgleich Musik eines der zentralen Themen der Geschichte ist, drängt sie sich nie zu stark in den Vordergrund. Das führt dazu, dass man als Zuschauer keine sog. emotionale Manipulation erlebt. Musik, ganz gleich in welcher Form, verhilft Filmen dazu, durch Ton und nicht durch ihre Themen und Bilder Gefühle hervorzurufen, die zwar häufig zum Geschehen passen, aber nicht passen müssen.
Der Film ist sich aber bewusst, dass er etwas zu erzählen hat. Und dabei wählt er einen sehr interessanten Ansatz. Er wirft seine beiden Protagonisten in, für sie ungewohntes Terrain („Fish-out-of-water-Prinzip“). Ein konservativer, relativ rassistischer Italo-Amerikaner wird der Fahrer eines schwulen afroamerikanischen Pianisten und ein aufgeklärter, gebildeter und wohlhabender Afroamerikaner ist gewillt ihn als Fahrer zu engagieren. Und das obwohl beide sehr wohl wissen, dass ein Kampf gegen den Rassismus vor ihnen liegt.

Die Dramaturgie wurde dabei relativ einfach gehalten und kann nur mit wenigen Elementen und Wendungen innerhalb des Plots überraschen. Passend dazu wurde auch die Kameraführung gehalten. Dynamisch, wenn die Geschichte Dynamik aufweist, ruhig und statisch, wenn die Geschichte einfach ihren Lauf nimmt, wodurch sie diesbezüglich keine besonderen Erwähnungen zulässt.
Dafür kann aber die Filmmusik auf ganzer Linie überzeugen. Eine musische Entwicklung von Klassik über zu Jazz unterstützt das Geschehen des Films. Sie symbolisiert insofern auch die verschiedenen Stationen, des Roadtrips, welche das ungleiche Duo abarbeiten muss. Dabei schafft es der Film eine perfekt inszenierte Abwechslung zwischen Act und Musik zu erzeugen, sodass der Film jederzeit eine angenehme Grunddynamik beibehält und nie ein Gefühl von Langeweile aufkommt.

Viggo Mortensen  („Der Herr der Ringe“-Trilogie, 2001-2003) ist, spät. seit seiner Rolle, als Aragorn in „Der Herr der Ringe“ ein weltberühmter Schauspieler, auch wenn sein Name nicht überall bekannt ist. Dabei ist der dänisch-US-amerikanische Schauspieler der geheime Star des Films. Seine Rolle als ungebildeten Familienvater Tony Lip, der im Zweifelsfall stets seine Fäuste anstatt seines Gehirns sprechen lässt, verkörpert er mit so viel Hingabe und Liebe zum Detail, sodass man ihn als Zuschauer sehr schnell ins Herz schließen kann, wenn auch seine Weltansichten sehr beschränkt sind.

So ähnlich muss es auch Mahershala Ali in seiner Rolle, als Don Shirley ergangen sein. Unter dem Motto „Er weis es nun einmal noch nicht besser!“ versucht er, auf ihrer gemeinsamen Reise, Tony Lip seine Welt näher zu bringen und gleichzeitig die seinige zu erforschen. Er charakterisiert einen nach Außen sehr starken und selbstbewussten Charakter mit einer hohen Allgemeinbildung und einem bemerkenswerten Intellekt. Und dies schafft Mahershala Ali mit einer absolut authentischen schauspielerischen Leistung, sodass es einem leichtfällt seinen fast schon überheblichen und dennoch weisen und auch einfühlsamen Charakter nicht nur verstehen, sondern auch nachempfinden zu können.
Welche Frage oft im Raum stand, war ob Ali bereits Klavier spielen konnte oder es für diesen Film lernte. Keines von beiden, ist die Antwort. Im Laufe eines Interviews vom 07. Januar 2019 mit der Fashion-Zeitschrift W-Magazine sagte er: „I didn’t know how to play the piano. I took some lessons with this brother, this gentleman by the name of Kris Bowers. We worked for about three months going into it. The goal, honestly, was not to learn how to play Chopin in three months. That’s not happening. [Laughs.] But it was to give myself an opportunity to really sit at that piano and discover how that would inform the rest of my performance. And to embrace the dexterity of the instrument, knowing that once we start shooting, and I’m having to pretend to be playing the piano, that I still have to know where I am in my character arc, because every time I play the piano he’s in a different moment.“
Dementsprechend eindrucksvoller war seine schauspielerische Perfomance in jeglichen Momenten, in denen er als Pianist am Klavier sitzt. So authentisch, dass es einem unmöglich ist anzuzweifeln, dass er tatsächlich gar nicht spielt. Daher muss an dieser Stelle auch ein großes Lob an den Kameramann Sean Porter ausgesprochen werden, der in dieser Hinsicht tolle Arbeit geleistet hat.

Wie bereits erwähnt, wird der Film aber vor allem von der Dynamik, der liebevoll geschriebenen und vor allem gespielten Freundschaft der beiden Protagonisten getragen. Sie schaffen es, die witzigen und komödiantischen Elemente des Drehbuchs so sympathisch umzusetzen, sodass die Kinobesucher nicht selten lachend auf ihren Sitzen saßen. Dabei gibt es ein paar dezent eingesetzte Running Gags, die aber nie langweilig werden – ganz im Gegenteil, eher stetig witziger und amüsanter.
Dabei besticht der Film vor allem durch seine Dialoge und Interaktion zwischen Tony Lip und Don Shirley. Szenen in denen Shirley seinen Fahrer zwingt einen relativ wertlosen, aber dennoch geklauten Stein wieder zurückzubringen oder er Tony auffordert seinen Müll von der Straße aufzuheben sorgen für wunderschönen Comic Relief und zaubert ein Lächeln auf den Gesicht.

So schafft es der Film ein ernstes Thema, wie Rassismus ins Zentrum des Geschehens zu stellen, aber überschattet damit nicht die Rahmenhandlung und zwar die Entstehung einer jahrelangen und innigen Freundschaft zweier Menschen, die wie bereits erwähnt, unterschiedlicher nicht sein könnten.

So verlässt man den Kinosaal mit einem Lächeln und einem Gefühl der Zufriedenheit. Der Film trägt einen von A nach B und dennoch lässt er einen manchmal fallen, damit sowohl die Protagonisten des Films, als auch die Zuschauer lernen sich wieder aufzurappeln und für das, was sie erreichen wollen zu kämpfen, die Schauspieler im Film und die Zuschauer in ihren Köpfen. Wodurch das klischeehafte Ende und die Vorhersehbarkeit des gesamten Films einen stören könnten, es aber meist nicht tut. Bittersüß und vorhersehbar, aber die Sahnehaube auf dem Kuchen.

Kriterien:

  1. 8/10 Drehbuch: vorhersehbar und dennoch für die eine oder andere Überraschung gut; klassischer Buddy-Road-Movie der ganz besonderen Art
  2. 10/10 Protagonisten: eine durch und durch überzeugende schauspielerische Leistung der beiden Protagonisten, deren Dynamik an nahe zu Perfektion grenzt
  3. 8/10 Kameraarbeit: dynamisch; klassisch, aber mit immer wieder besonderen Einfällen; wunderbar inszenierte Konzertszenen
  4. 7/10 Szenenbild: an die Zeit angepasste Kulissen untermalen das Geschehen und die Geschichte des Films; sehr schön gestaltet
  5. 8/10 Kostüm, Make-up, Visual Effects: tolle, an die Zeit angepasste Kleidung; ansonsten sehr praktisch gehalten

8,2/10 Gesamtwertung

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