Schundliteratur, die Weiterführung der Groschenromane, ist die Literatur, in die sich Quentin Tarantino verliebt zu haben scheint. Das Universalgenie hat nicht zuletzt reichlich Erfahrung als Regisseur, sondern auch als Produzent und ist selbst begnadeter Drehbuchautor. Und genau das verfasste er 1994 für zwei Filme „Pulp Fiction“ (der Grundstein für seine schundliterarischen Verfilmungen) und dann auch für einen unberechtigt unbekannteren Film: „Natural Born Killers“. Ein Film dessen Verrücktheit und Absurdität und gleichzeitige Ästhetik man nur schwer in Worte fassen kann. Doch genau dies werde ich heute tun. Und damit habe ich für euch seit langem mal wieder eine neue garantiert spoilerfreie Filmkritik.
In Zukunft werde ich mir häufiger verschiedene Filmklassiker vornehmen und sie für euch kritisieren und vielleicht findet Ihr dabei ja die eine oder andere neue cineastisch-historische Perle.
Quentin Tarantino ist ein Geschichtenerzähler, der das perfekte Gespür dafür hat, wie verrückt und abstrus ein Story sein kann, bevor es zu viel wird. Doch gerade seine letzten beiden Filme „Django Unchained“ (2012) und „The Hateful Eight“ (2015) haben doch einige cineastische Zuschauer eher enttäuscht. Das mag jetzt komisch klingen, schließlich waren sie überaus erfolgreich an den Kinokassen, aber ihnen fehlte tatsächlich dieses absolut Verrückte und Neue, sodass man am Ende hätte sagen können, dass man etwas derartiges noch nie gesehen hat. Natürlich sind beide Filme Meisterwerke für sich und gerade das kammerspiel-ähnliche Westernabenteuer „The Hateful Eight“ konnte viele Kritiker, mit seiner Vielschichtigkeit überzeugen, wohingegen „Django Unchained“ mit seiner klischeebelasteten Grundgeschichte „Befreie die Frau“ neben überzeugten Kritikern, auch ein sehr kommerzielles Publikum angesprochen hat. Nun hat Tarantino aber auch Filme geschaffen, die nicht unbedingt all zu bekannt oder gar erfolgreich waren.
„Natural Born Killers“, aus dem Jahr 1994, ist tatsächlich ein verhältnismäßig unerfolgreicher Streifen geworden. Es heißt, dass ein Film grundsätzlich das Doppelte seines Budgets wieder einnehmen muss um als profitabel zu gelten. Nun hat „Natural Born Killers“ circa 34 Millionen US $ gekostet, hat aber lediglich circa 50,2 Millionen US $ wieder eingespielt. Der Film stand anfangs ohnehin unter keinem guten Stern. Tatsächlich war das Drehbuch, das erste, dass Tarantino je geschrieben hat und auch verfilmen wollte. Allerdings mangelte es ihm an überzeugten Produzenten, die Geld in dieses Projekt investieren wollten. So schaffte es dieser Film erst zwei Jahre nach seinem Regiedebut „Reservoir Dogs“ (1992) ins Kino, mit der Hilfe von Regency Enterprises, die diesen Film produzierten.
Die Geschichte von „Natural Born Killers“ ist sehr vielschichtig und komplex, da innerhalb der Handlung viele Nebenakteure auftauchen, die aber sowohl zeitlich, geschichtlich und auch story-technisch perfekt in Szene gesetzt werden. Und mit „perfekt“, ist wirklich „perfekt“ gemeint. Zu Beginn überschlagen sich zwar einige Ereignisse und den einen oder anderen könnte das sicherlich verwirren. Aber wie üblich schafft es Tarantino viele verschiedene Handlungsstränge genial miteinander zu verflechten, sodass am Ende ein wunderbar rundes Bild entsteht.
Es ist die Geschichte zweier Menschen, die sich kennen und lieben gelernt haben, nachdem beide viele traumatische und brutale Erlebnisse in ihrem Leben durchmachen mussten. Mickey (gespielt von Woody Harrelson) und Mellory (gespielt von Juliette Lewis) sind diese zwei Menschen, die zu einem, sich bis zum Tode liebenden, Pärchen und auch unkonventionellen Ehepaar entwickeln. Dieses Ehepaar möchte einfach nur dem System entfliehen und machen und tun worauf auch immer es Lust hat. So reisen sie von US-Staat zu US-Staat und erleben die wildesten Abenteuer. Doch passiert ihnen, egal wo sie sind immer ein kleines Missgeschick: Mord. Ob gewollt oder nicht, sie schaffen es nicht nicht zu morden, es ist ihre Droge und sie können sich selbst nicht erklären, wie sie zu Natural Born Killers überhaupt werden konnten, sie sind eben einfach dazu geboren. Und so häufen sich die unbeabsichtigten Morde und das Pärchen wird bald zu Amerikas berühmtesten Serienkillern. Ganz besonders interessiert sich der Reporter Wayne Gale (überragend gespielt vom jungen Robert Downey Jr.) für sie. Er ist ein Dokumentarist und hat schon mit dem einen oder andern berühmten Mord Kasse gemacht. Und auch bei diesem Pärchen wittert er sein Chance ganz groß rauszukommen. So besucht er das Paar im Gefängnis, nachdem es tatsächlich geschnappt worden ist, um zu erfahren, was sie antreibt. Mit der Erlaubnis des Gefängnisdirektors, gespielt vom genialen Tommy Lee Jones, führt er mit Mickey das Interview seiner Karriere, welches aber früher als gedacht aus dem Ruder laufen sollte und dafür sorgt, dass das Gefängnis sich sehr schnell zu einem Schlachthaus entwickelt.
Der Mann, der all seinen männlichen Kollegen die Show stiehlt, ist Woody Harrelson. Man hat ihn nun wahrlich in schon sehr verrückten Rollen („7 Psychos“, 2012) und dabei auch sein schauspielerisches Talent bestaunen dürfen. Dabei schlüpft er charakterlich nicht immer unbedingt in eine Rolle, sondern er spielt sich einfach selbst: spontan, schlagfertig und eben ein bisschen verrückt. So ist sein Charakter Mickey ihm wie auf den Leib geschrieben und ist vielleicht auch noch besser, vielschichtiger und genialer gezeichnet und verkörpert, als alle anderen Rollen, die er bisher besetzte. Das bedeutet, dass man ihm zu jeder Zeit den durchgeknallten, etwas tollpatschigen und dennoch bedachten Killer abnimmt. Gleichzeitig schafft er es aber auch noch einen liebenden und fürsorglichen Ehemann und Lebensgefährten zu charakterisieren, der sich aber manchmal nicht ganz zwischen seinen beiden Rollen (Mörder und Lover) entscheiden kann. Das macht ihn zu einer sehr nahbaren Person, auch wenn man vermutlich seine komplett anarchischen Züge nicht unbedingt nachvollziehen kann. Das muss man aber auch nicht. Schließlich spielt er, wie schon gesagt, einen Natural Born Killer und das ist schließlich nicht jeder.
An seiner Seite finden wir die Schauspielerin Juliette Lewis („From Dusk Till Dawn“, 1996). Auch später hat sie noch mit Quentin Tarantino und auch Robert Rodriguez zusammengearbeitet. Doch hier schlüpft sie wohl in ihre Paraderolle. Selten hat man einen derart verbitterten Menschen so abstürzen sehen, wie sie sich in ihrer Rolle gibt. Sie macht das ganze so genial, dass man nie weis, ob man nun Angst vor ihr als Mellory haben soll oder sie einfach nur als bemitleidenswert empfindet. Sie verkörpert mit einer völligen Ekstase einen Charakter der einem so ans Herz geht, während man ihn gleichzeitig unglaublich abstoßend findet. Daher muss ich ihre schauspielerische Leistung wirklich besonders hervorheben. Sie verkörpert hier eben den Lebenspartner von Mickey und das auch mit großer Hingabe, sodass es zu keiner Sekunde zweifelhaft ist, ob sie ihn wirklich liebt oder die Liebe nur konstruiert ist. Ganz besonders die Fallhöhe spielt bei ihrem Charakter eine große Rolle. Je besser es einem Charakter zunächst geht, desto schlimmer empfindet man es, wenn die Person auf einmal durch den tiefsten Morast steigen muss. Das bedeutet man fühlt und fiebert zu jeder Sekunde mit ihr mit. Unglaublich starke schauspielerische Leistung.
Tommy Lee Jones. Ein Schauspieler, der gefühlt in keinem Film der 90er Jahre („Men in Black“, 1997) fehlen darf. Auch wenn seine Filme garantiert keine Gütesiegel tragen und der eine oder andere Flop dabei war, versteht der Mann das schauspielerische Handwerk. Eiskalt und reuelos ist sein Charakter Dwight McClusky, welcher der Gefängnisdirektor ist, in welchem das Pärchen im Laufe des Films landet. Er spielt einen Menschen, dessen Gefühle und das innere Feuer schon lange erloschen sind. Für ihn ist das Gefängnis sein Zuhause geworden und es ist praktisch seine Bestimmung die Gefangenen zu schikanieren und ihnen das Leben zur Hölle zu machen. Dabei wirkt er zunächst mehr als nur selbstsicher, doch merkt man schnell, dass das nur eine Fassade ist, die langsam bröckelt. Das bedeutet, dass Tommey Lee Jones hier einen wahnsinnig realistischen Menschen darstellt, der mit vielen inneren Konflikten zu kämpfen hat, da er im Inneren gar nicht so hart ist, wie er sich immer nach außen präsentiert.
Und dann wäre da noch Robert Downey Jr. („Chaplin“, 1992). Auch bei ihm weis man, dass es einen starken Wiedererkennungswert in seinen Rollen gibt, sei es als Tony Stark („Avengers“, 2012) oder als Sherlock Holmes („Sherlock Holmes“, 2009). Und letzten Endes hat seine Rolle in diesem Film wieder ähnliche Charakteristiken. Er spielt den Reporter und Fernsehmoderator Wayne Gale, dabei ist seine Rolle so überzeichnet, dass er selbst eine Homage an den derzeitigen Klatsch-und-Tratsch-Journalismus ist. Das tolle an seiner Perfomance ist, dass er eine Person spielt, der eigentlich ein ganz anderer Charakter innewohnt. Um das zu verstehen müsste ich allerdings an dieser Stelle spoilern und diesen, wirklichen Spaß möchte ich niemandem nehmen, der nun vorhat diesen Klassiker anzuschauen.
Kostüm, Make-Up und Effekte sind Tarantino-typisch. Natürlich kommt auch dieser Film nicht mit den einen oder anderen Blutfontänen aus, während der Kleidungsstil aber eher praktisch und zeitgemäß gehalten wurde. Schön ist an solchen Filmen, die eben schon einige Jahre alt sind, dass man sich wirklich bemüht auf praktische Effekte zu setzen, davon könnten sich heutzutage so einige Filme eine Scheibe abschneiden. Und wenn mal Computereffekte zum Einsatz kommen, dann sind diese selbst Stilmittel des Films. Einem jungen Zuschauer des 21. Jahrhundert mögen diese „Special Effects“ alles andere als überzeugen, aber das ist eben der Stil den Quentin Tarantino seit Jahren an den Tag legt und diese filmische Umsetzung ist eines der vielen Vorbilder dafür.
Der Film selber ist eigentlich ein einziges Experiment. Er stellt sich selbst die Frage, wie viel er dem Zuschauer sowohl geschichtlich, als auch bildlich zumuten kann. So werden viele verschiedene Kameraeinstellungen aneinander gepaart, die zwar auf den ersten Blick verwirrend und anstrengend erscheinen mögen, aber eigentlich unterstützen sie das „crazy feeling“ und das beeindruckende Seherlebnis, das man bei diesem, ich möchte es so nennen, Meisterwerk hat. Die Geschichte möchte ergründen, wie Menschen handeln werden, wenn sie selbst ihrem Ende ins Gesicht sehen oder sich in scheinbar ausweglosen Situation wiederfinden. Dabei geht Quentin Tarantino absolut verrückte Wege, die aber den Film zu einer, der breiten Masse relativ unbekannten, Perle machen. Ein typischer Tarantino-Film der ganz besonderen Art und das verdankt er vor allem der ausnahmslos genialen schauspielerischen Leistung.
Kriterien:
- 8,5/10 Drehbuch: sehr interessante und geniale Grundidee; völlig verrückt – vielleicht für den einen oder anderen zu verrückt; so etwas hat man noch nie zuvor gesehen; gute Idee infrage zu stellen, inwieweit Medien, bestimmte politische und gesellschaftliche Themen bewusst pushen und in wie fern, die Behörden selbst dafür verantwortlich sind
- 9,5/10 Protagonisten: jeder Darsteller holt alles aus seinem oder ihrem schauspielerischen Potenzial heraus; dabei hat man das Gefühl, dass einige der Schauspieler wirklich bis an ihre Limits gehen
- 9/10 Kameraarbeit: völlig ungewöhnliche Kameraeinstellungen (nicht selten bei Tarantino-Filmen); kann gerade gegen Ende eventuell anstrengend werden, aber das muss so sein
- 8/10 Szenenbild: das Szenenbild ist sehr praktisch gehalten, wobei gerade das Gefängnis sehr echt und authentisch aussieht
- 10/10 Kostüm, Make Up, Visual Effects: so schlecht, dass es schon wieder gut ist; Tarantino legt hier wieder zu Tage, wie viel Freude es ihn bereitet duzende Liter Kunstblut zu versprühen, aber genau das macht erneut den Charme des Films aus; Kleidung ansonsten ebenso praktisch gehalten, aber es kommt hier und da ein sehr modischer Geschmack zum Vorschein
9/10 Gesamtwertung

