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Filmkritik: „Joker“ (2019)

Basierend auf einigen wenigen DC-Comics Charakteren brachte Todd Phillips („Hangover 1-3“, 2009-2013) dieses Jahr die Charakterstudie „Joker“ in die Kinos. Der Hype war groß, als im April der erste Trailer veröffentlicht wurde. Man durfte auf eine ernstere Tonalität gespannt sein und man hoffte sofort auf ein R-Rating bzw. fürchtete um ein PG-13 in den USA. Diese Befürchtungen wurden aber sehr schnell zunichte gemacht, vom Regisseur Todd Phillips selbst. Natürlich bekomme der Film ein R-Rating. Das bedeutet, dass „Joker“ in Deutschland mindestens ab 16 Jahren freigeben sein sollte, und dem ist auch so.

Die Dreharbeiten begannen im September 2018 und konnten ohne Probleme durchgezogen werden, sodass der Film ohne Verzögerung in den Kinos startete. Gedreht wurde vor allem in New York City, einer Stadt, die nicht selten, als Vorlage für das fiktive Gotham City aus den Batman Comics dient (vgl. „The Dark Knight“-Trilogie, 2006-2012). Die Drehs liefen sogar so einwandfrei, dass die Arbeiten bereits am 3. Dezember 2018 abgeschlossen werden konnten und der Film in die Postproduktion ging. So stand „Joker“ von Beginn an unter einem guten Stern.

Die Trailer zeigten bereits, dass man sich geschichtlich an Alan Moores Klassiker orientieren wird, dem Comic „Batman – The Killing Joke“. Dies ist eines der wenigen Graphic Novels von DC, die die Ursprungsgeschichte des Jokers beleuchten, um zu ergründen, warum er zu dem geworden ist, was er nun mal ist: Soziopath, Psychopath, Mörder.

Diesen Ansatz verfolgt auch der Film „Joker“, allerdings schlägt er rein geschichtlich eine ganz andere Richtung ein. Lediglich der Aufhänger bleibt gleich: es wird der Leidensweg eines von der Gesellschaft ausgestoßenen Comedians gezeigt und was dieser aus ihm machen wird: ein Monster und damit eine neue spoilerfreie Filmkritik.

„Joker“ (2019) | Official Trailer

„Ein furchtbarer Tag genügt, um den vernünftigsten Mann in den Wahnsinn zu treiben. Das ist der Unterschied zwischen mir und dem Rest der Welt: Ein furchtbarer Tag.“ Dies sagte einst der Joker zu Batman, als 1988 das gefeierte Graphic Novel „The Killing Joke“ veröffentlicht wurde. Und damit arbeitet dieser Film. Zwar ist es hier nicht ein einziger Tag, der den Protagonisten Arthur Fleck (gespielt von Joaquin Phoenix) in den Wahnsinn treibt, aber es ist die Gesellschaft, in die er sich nicht integrieren kann, das Establishment, welches ihn neiden lässt und seine Arbeit, von der er gefeuert wird. Nicht EIN schlechter Tag, aber eine sehr schlechte Zeit für Arthur Fleck.
Ihn trifft ein Schicksalsschlag nach dem anderen und man selbst als Zuschauer fragt sich nach und nach: Ist es nicht langsam zu viel des Guten? Sind wirklich so gut wie alle Menschen derart abgebrüht und auch brutal? Viele in dem Fall unglückliche Zufälle reihen sich aneinander, sodass man sich bei einem ohnehin psychisch-kranken Menschen nicht wundern würde, wenn er irgendwann, früher oder später die Kontrolle verliert.
Neben seiner Therapie, die ihm sichtlich nicht hilft, arbeitet er als Klinikclown, um kranke Kinder zu unterhalten und später auch als Comedian, jedoch sehr unerfolgreich, wenngleich das eigentlich sein Traum gewesen wäre. Insbesondere zu seinem Idol, dem Late Night Host Murry Franklin (gespielt von Robert De Niro) blickt er begeistert auf. Doch nachdem dieser, sich im Live-Fernsehen über seine schlechten Witze lustig macht, bricht für Arthur die Welt nach und nach zusammen. Das Vorbild, an welchem er sich eine sehr lange Zeit stark festhielt, stellte ihn bloß.
So fällt schnell auf, dass Arthur trotz seiner leicht zurückgebliebenen Art nicht auf den Kopf gefallen ist und es ihm nach Rache und Anarchie sehnt. Rache an Murry Franklin und dem Establishment und Anarchie für all die kleinen Menschen, die Arbeiterklasse, die übersehen wird und welcher keine Beachtung geschenkt wird, er meint: Leute, zu denen er auch gehört.

So ist es vielleicht doch „ein schlechter Tag“, an welchem Arthur Fleck seinen Verstand verlor, „ein schlechter Tag“, an welchem ihm sein vermeintliches Vorbild die Augen öffnete, „ein schlechter Tag“, der ihn erkennen ließ, nicht er ist verrückt, sondern die Gesellschaft macht einen verrückt.

Diesen Ansatz wählte Todd Phillips um eine nicht zu vielschichtige Story zu erzählen, über einen Mann, der das Potential zum Serienkiller hat. So bleibt aber die Frage: hat die Gesellschaft in Arthur Fleck etwas geweckt, was schon immer da war oder hat die Gesellschaft Arthur erst zum Monster gemacht?

Und damit kommen wir zu einem der Probleme, die ich mit diesem Solo-Joker-Film habe: das Schwarz-Weiß-Denken. Die Reichen sind hier absolute Unsympathen, man kann sogar so weit gehen und sie regelrechte „Arschlöcher“ nennen. Währenddessen werden die Armen vernachlässigt, es gibt Lohnkürzungen im Unternehmen von Thomas Wayne und Menschen werden gefeuert. So zählt auch Batmans Vater, welcher eine kleine, aber nicht unbedeutende Rolle in diesem Film spielt, zu den Menschen, die Arthur verabscheut. Wenngleich er und Bruce Waynes Vater eine ganz besondere Verbindung in diesem Film zugeschrieben bekommen, die es so noch nie gab. So rückt auch das Verhältnis zwischen einem potentiellen Batman und dem Joker in ein ganz neues Licht.

Aber dennoch verhalten sich die vermeintlich „Bösen“ häufig so grundlos und generisch böse. So hat man manchmal das Gefühl, dass die Entwicklung aller Nebencharaktere stark vernachlässigt wurde, vor Sorge, sie könnten der Hauptattraktion, dem Joker, zu viel Platz stehlen. Und dennoch hätte ihnen ein wenig mehr Tiefgang gut getan, denn so wirken ihre Ansichten und ihr Verhalten doch sehr aufgesetzt und praktisch, damit die Geschichte vorangetrieben werden kann. Das war in Christopher Nolans Verfilmung „Batman – The Dark Knight“ (2008) wesentlich vielschichtiger. So wurden hier alle Menschen an ihre moralischen Grenzen gebracht, und nicht nur eine einzige Person. So wirkte die Story-Entwicklung manchmal unglaubwürdig und nahm auch gerade gegen Ende viel zu schnell viel zu viel Fahrt auf.

Denn nachdem Arthur das erste Mal Rachegelüste bekommt und diese dann auch auslebt, überschlagen sich die Ereignisse und innerhalb geringster Zeit bekommt ein, als Clown geschminkter Mensch, der zwei Menschen tötete derart viele Anhänger, während seine Tat einzig und allein damit entschuldigt wird: die haben’s ja auch verdient.
Das ist unglaubwürdig und es ist unrealistisch, wie schnell man eine derart große Bewegung starten kann, und das innerhalb weniger Tage.

Man versucht zwar den Zuschauer auf das bevorstehende Chaos vorzubereiten. So berichten in der Story auch Nachrichtensender von Tumulten und Aufständen mit als Clowns verkleideten Menschen, jedoch sehen wir es als Zuschauer erst, wenn es endgültig eskaliert. Das ist leider nicht das geschickteste Storytelling.

So können einen die ruhigen und ästhetischen Bilder noch so begeistern, die schauspielerische Performance von Joaquin Phoenix noch so sehr in den Bann ziehen, wenn man die finale Geschichte letzten Endes auch nur ansatzweise unglaubwürdig findet, tut man sich als Zuschauer doch recht schwer, die Intentionen der Menge nachzuvollziehen.

Bei Arthur Fleck war das was anderes. Wir sahen seinen Leidensweg, seinen Kummer und die Auslöser, die ihm zum brutalen Psychopathen machten. Aber, wir sahen all das eben nicht bei seinen hunderten Anhängern, die mit ihm auf die Straße gehen und randalieren. Sehr abrupt, sehr plötzlich.

Abgesehen davon weiß der Film aber, wie man eine gute Geschichte erzählt, mit vielen kleinen Raffinessen. Das Lachen des Jokers ist hier bspw. eine Krankheit, eine Art des Stressabbaus für Arthur Fleck. Das bringt ihn immer wieder in für ihn unangenehme und für den Zuschauer komische Situationen, sodass man auch hin und wieder lachend oder zumindest lächelnd im Kinosessel sitzt.
Dabei spielt Joaquin Phoenix seine Rolle derart intensiv und glaubwürdig, sodass man zu jeder Zeit mit ihm mitfühlt, wenngleich man seine Taten als Joker nicht billigt. Insbesondere sein Lachen bleibt einem im Gedächtnis, eine ganz neue Interpretation.
Viele verglichen bereits Jared Letos Joker aus „Suicide Squad“ (2016) mit der zeitlosen und genialen Performance von Heath Ledgers Joker aus dem Jahr 2008. Und so kam die neue Form nicht gut bei den Fans und Zuschauern an. Zu gezwungen wirkte das „Anders-sein-wollen“.
Diesem Problem muss sich die Figur des Arthur Fleck nicht stellen. Es wurde eine ganz neue Geschichte geschaffen, die unter Umständen auch neue Türen für zukünftige Projekte öffnet.

Ursprünglich war der Film als Einzelwerk angelegt und eine Fortsetzung war nicht geplant, jedoch bestätigten bereits Todd Phillips und Joaquin Phoenix, dass sie zumindest nicht abgeneigt wären eine Fortsetzung zu drehen. Lediglich mit einem Aufeinandertreffen mit ihm und einem zukünftigen Batman (Robert Pattinson) solle man nicht unbedingt rechnen. Todd Philips wäre es wichtig, auch bei einem zweiten Teil, wieder jegliche künstlerischen Freiheiten zu bekommen und dem wird Warner Bros. nach den Debakeln, wie „Batman v Superman“ (2016) oder „Justice League“ (2017) wohl kaum im Wege stehen.
So spricht man derzeit von einem inoffiziellen Nebenfranchise, dem „DC Dark Universe“, ein Filmuniversum in dem auch R-Rated Filme ihren Platz bekommen sollen, allerdings eher losgelöst von einer einheitlichen Continuity.

„Joker“ ist ein sehr guter Film geworden, jedoch kann ich mich vielen Kritikern anschließen und ihn auch nicht ein Meisterwerk nennen. Zu schnell nimmt die Geschichte bisweilen an Fahrt auf, wenngleich die Kameraarbeit, das Szenenbild und das Kostüm und Make up teilweise wirklich atemberaubend sind. Aber insbesondere eine Storyentwicklung ist direkt aus dem Film „Fight Club“ (1999) entnommen worden, sodass dieser, fast schon Plot Twist einfach nicht sehr originell wirken mag. Genauso geht es einem mit wesentlichen Elementen aus dem Film „Taxi Driver“ (1976), nicht nur das Robert De Niro mitspielt, aber die Grundgeschichten des Films und „Joker“ deckt sich einfach zu stark, sodass es nicht wie eine Orientierung wirkt, sondern eine Nachahmung nur mit neuen Charakteren und einem Schuss Comicfeeling.

Ein tolles Setting, ein tolles Kostüm, ein tolles Schauspiel, aber nicht das beste Drehbuch. Obwohl letzteres noch sehr viel Interpretationsspielraum lässt, von der Waffenpolitik der USA, über zur Kritik am us-amerikanischen Sozialwesen und Kritik am Establishment; Reiche werden immer reicher und Arme werden immer ärmer.

So werden aber nun mal viele wichtige Themen angesprochen, aber bei keinem dieser Probleme traut sich Todd Phillips in die Tiefe zu gehen, somit bleibt die Geschichte oftmals nur an der Oberfläche.

Kriterien:

  1. 6/10 Drehbuch: viele kleine Raffinessen, die zum Nachdenken anregen; viele kleine tolle Easter-Eggs, die aber nicht von dem zu schnell entwickelten Geschehen ablenken können; die Auflösung komplett aus „Fight Club“ (1999) geklaut; auch starke Orientierung an „Taxi Driver“ (1976): irgendwann muss man einfach die Beherrschung verlieren?!; es fehlt dem Film trotz teilweise lustiger Einzeeinfälle in der Grundgeschichte an Originalität; Wo sind die Proteste, die die ganze Zeit angeteased werden, aber erst am Ende des Films zu sehen sind?; Geschichte bleibt am Ende nur an der Oberfläche
  2. 8/10 Protagonisten: teilweise wirken die Nebendarsteller einfach zu generisch, sie handeln einfach so, weil das für die Story nunmal benötigt wird, lassen dabei auch nicht das beste Schauspiel zu; aber insbesondere Robert DeNiro (wenngleich sein Charakter flach geschrieben ist) und Joaquin Phoenix sind echte Scenestealer
  3. 9/10 Kameraarbeit: die Kameraarbeit ist wunderschön; sehr dynamisch, es werden teilweise interessante Winkel gewählt; gibt insbesondere in einer Szene dem Joker eine tolle Plattform sich selbst zu entfalten
  4. 8/10 Szenenbild: das Szenenbild wurde mit viel Liebe zum Detail gestaltet; es wirkt düster und bedrückend; hätte aber meiner Meinung nach noch beklemmender sein können
  5. 8/10 Kostüm, Make Up, Visual Effects: die Kostüme sind allesamt praktisch gehalten und an die Zeit angepasst worden; aber insbesondere der Joker erinnert sehr an Cesar Romeros Interpretation des Jokers, aber dennoch verleiht das Make Up, die Performance und das Kostüm dem ganzen eine komplett eigene Tonalität; die Visual Effects sind meist praktisch gehalten, so wird vor allem an echten Sets gedreht und das lässt den Film einfach „echt“ wirken

7,8/10 Gesamtwertung

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