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Filmkritik: „Midsommar“ (2019)

Ari Asters neuer Film startete am 26. September diesen Jahres in den deutschen Kinos und war gleich zu Beginn ein heiß erwarteter Film, welcher auch für die eine oder andere Diskussion sorgte. Insbesondere über die FSK.

Der Film ist nach reichlicher Prüfung durch die Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft für Zuschauer ab 16 Jahren eingestuft worden. Doch lässt sich darüber tatsächlich an einigen Stellen des Films streiten. Denn wenn der Film etwas zeigen möchte, dann tut er es auch, ohne Vorankündigung und in allen Facetten. Der Film ist brutal, das war „Hereditary“, Ari Asters Vorgänger und Filmdebut auch, aber dabei war sein erster Film bei weitem nicht derart explizit.

Aster erklärte bereits vorab in Interviews zu seinem neuen Film, dass es ihm wichtig sei, dass sein jüngstes Filmprojekt nicht mit „Hereditary“ (2018) verglichen wird. Dass das bei einem Zweitwerk eines Filmemachers zwangsläufig passiert, ist vermutlich kaum zu verhindern. Und so werden auch wieder ähnliche Themen angesprochen, vor allem der Verlust geliebter Menschen und wie die Betroffenen damit umgehen oder eben nicht umgehen können.
Jedoch stellt man fest, auch wenn das erneut das Grundmotiv der Geschichte ist, sind die Drehbücher nicht ansatzweise miteinander vergleichbar und damit eine neue spoilerfreie Filmkritik.

„Midsommar“ (2019) | Official Trailer

Die Story des Films spielt zwar fast ausschließlich in Schweden, jedoch wurde der Film vor allem in Ungarn gedreht. Das Geschehen startet und der Zuschauer wird gleich zu Beginn ins kalte Wasser geworfen. Dabei wird er Zeuge furchtbarer Tode, mit denen die junge Frau Dani (gespielt von Florence Pugh) versucht klar zu kommen, denn es ist ihre Familie die gestorben ist.
Ihr Lebensgefährte Christian, der sich eigentlich seit längerem von ihr trennen möchte und seine Freunde Mark, Josh und Pelle (gespielt von Jack Reynor, Will Poulter, William Jackson Harper und Vilhelm Blomgren) versuchen sie aus ihrer tiefen Trauer mehr oder weniger freiwillig herauszuholen. Dani sieht für sich keine Möglichkeit, mit dem Tod ihrer Familie klar zu kommen. Nichts kann ihr noch Halt geben und somit, lässt sie sich erst nach viel Überredung auf einen „Trip“ nach Schweden zur Sommersonnenwende (der längste helle Tag im Jahr) ein.
Zusammen mit Christians Freunden fliegen sie in die vermeintliche Idylle, das Zuhause von Pelle, denn er war es der diese Tour vorschlug, da er selbst aus Schweden kommt. Und es ist unter anderem seine Familie, die sie besuchen werden.
Dort angekommen haben die US-Amerikaner sichtlich Probleme, sich den Sitten und Gebräuchen des Dorfes anzupassen. Das geht soweit, dass sie nicht nur menschlich, sondern auch ethisch und moralisch mehr als brutal an ihre Grenzen kommen.

„Midsommar“ ist ein beeindruckender Film. Er ist ganz anders als alle anderen Horrorfilme, die man zuvor gesehen hat und gerade deswegen lässt er sich auch eigentlich nur schwer allein in dieses Genre drängen. Es ist zwar ein Horrorfilm, aber auch ein Drama, eine Komödie, eine Familiengeschichte und das Ganze mit einem mehr als mysteriösen Anstrich versehen.
Gerade Horrorfilme arbeiten oft mit Dunkelheit und vor allem mit klaustrophobischen Mitteln, die Enge und Angespanntheit beim Zuschauer auslösen sollen. Doch in diesem Film betrachten wir das Geschehen im hellen Tageslicht, nichts bleibt einem verborgen. Keine dunklen Ecken, in welchen das Grauen lauern könnte. Ari Aster bricht mit jeglichen Konventionen, die der Otto-Normalzuschauer erwarten würde, wenn er sich einen Horrorfilm anschaut.

Es gibt keine Jump-Scares, nur einen gefühlt „dunklen Schatten“, der sich nach und nach über die Protagonisten legt. Und trotzdem ist der Moment, wenn erstmals im Film die rohe Gewalt einsetzt absolut unvorhersehbar, unerwartet und den Zuschauer erwischt es eiskalt, wenn man sich selbst zusammenzucken sieht. Das Szenenbild ist dabei weit, groß und am helllichten Tag, sodass einem nicht das kleinste Detail erspart bleibt.

Die Protagonisten liefern allesamt solide bis herausragende Performances ab. William Jackson Harper und Vilhelm Blomgren sind in diesem Film tatsächlich regelrechte Quotenschauspieler. Das klingt hart, ist aber nicht so gemeint. Nur werden ihnen keine überdimensional wichtigen Rollen zugeschrieben. Sie dienen dazu an der einen oder anderen Stelle des Drehbuchs, wieder Fahrt in das Geschehen zu bringen. Dabei verkörpern sie ihre Rollen dennoch mehr als solide, aber ohne, dass man für sie besondere Erwähnung finden müsste.

Jack Reynor und Will Poulter dagegen verkörpern zwar auch zwei typische Charaktere, die man in der einen oder anderen Form bestimmt schon in anderen Filmen gesehen hat, aber das mit viel Hingabe. Auch wenn sie keine sehr vielschichtig geschriebenen Personen sind, sie verkörpern das, was sie sind mit der nötigen Ernsthaftigkeit und sehr überzeugend.
Dabei sorgt gerade Will Poulter immer wieder für den Comic Relief, sodass man durchaus auch mal lachend im Kinosessel sitzt. Sein Charakter ist lebendig und uramerikanisch. Dabei nimmt die Komik, aber auch das unbehagliche Gefühl stark zu, weil gerade er es ist, der es nur bedingt schafft, sich den Sitten des schwedischen Dorfes anzupassen. Toll gespielt.
Jack Reynor dagegen könnte klischeehafter nicht sein: er vergisst den Jahrestag, stellt sich in der Beziehung dämlich an und man merkt ihm seine Lustlosigkeit an, kurzum als Zuschauer regt man sich über ihn auf. Aber, und das ist ein großes „Aber“, er passt in die Rolle und in die Story, wie die Faust aufs Auge. Man soll sich über ihn aufregen, man soll ihn nicht mögen. Man braucht ihn immer wieder um für Spannung und Zündstoff zu sorgen, insbesondere zwischen seinem Charakter und Dani (Florence Pugh), seiner Freundin.

Und damit sind wir bei der wohl wichtigsten Protagonistin des Films angelangt: Dani, gespielt von Florence Pugh. Selten versetzt ein Drehbuch den Zuschauer in derartige Ekstase, eben solche Ekstase, mit der Florence Pugh ihren Charakter verkörpert, eine überragende schauspielerische Leistung.
Man kennt sie nicht unbedingt aus anderen Filmen, wenngleich der ein oder andere relativ bekannte dabei war: „Lady Macbeth“ (2016) oder „Fighting with My Family“ (2019).
Sie ist es, mit welcher man sich von Anfang verbunden fühlt oder zumindest tiefes Mitleid hat. Ihr Charakter hat ihre nächste Familie verloren und die Art und Weise, wie sie diesen Verlust darstellt und die Trauer zeigt und spielt ist „gänsehautauslösend“. Auch ihre Abhängigkeit von ihrem Filmfreund Christian zeigt sie absolut authentisch und ihre Verlustängste hätten besser nicht dargestellt werden können. Sie spielt so intensiv, dass einem als Zuschauer, insbesondere eine Szene weh tut und fast höllisch schmerzt, wenn man sie einfach nur leiden sieht.
Eine herausragende schauspielerische Leistung, geht in den Kopf und bleibt, für immer.

Interessant sind auch die Hintergründe zur Entwicklung und geschichtlichen Ausarbeitung des Liebespaares. In einem Interview mit Rotten Tomatoes verriet Ari Aster, dass er und Florence Pugh und Jack Reynor eine Art Rollenspiel gemacht haben. Und zwar spielte er dabei einen Paartherapeuten und das Filmpärchen kam zu ihm, um über ihre Probleme zu reden. So sollten sie sich besser mit ihren Rollen identifizieren können.

Das Setting, die Kulisse und das Szenenbild, in welche der Film eingebettet wird, sind atemberaubend. Symmetrie und Helligkeit sind die auffälligsten Stilmittel des Films. Und die Helligkeit löst auf Dauer beim Zuschauer ein großes Unbehagen aus. Man selbst verliert irgendwann endgültig das Zeitgefühl. Spätestens, wenn die Protagonisten anfangen Drogen zu nehmen und man weiß, dass es zwar abends ist, die Helligkeit der Sonne aber in die Augen sticht, tritt die eine oder andere Verwirrung beim Zuschauer auf: Seit wann sind die Amerikaner bereits in diesem Dorf? Wie viel Uhr ist es? Was passiert als nächstes?

Und dieses Gefühl, dass der Film bei einem auslöst, spricht mehr als für ihn. Es ist ein Rausch. Auch wenn der Film sich anfangs zieht, fällt einem im Nachhinein auf, dass genau diese Länge notwendig war, um den Zuschauer auf den bevorstehenden Horror vorzubereiten. Denn wenn der Film in Fahrt kommt, ist er nicht mehr stoppen. Eine Szene folgt der anderen und man verfällt beinahe in Ekstase. Szene an Szene, Akt an Akt, Schrecken an Schrecken, bis der Zuschauer von der plötzlichen rohen und nackten Gewalt aus seinem eigenen Trip aufschreckt und sich erst einmal wieder besinnen muss. Aber das Drehbuch lässt einem keine Zeit und konfrontiert einen sofort mit dem nächsten toten und zerfetzten Körper.

Die pure Gewalt, wird einem nach sehr langer Zeit, aber dann ohne Vorankündigung auf dem Präsentierteller serviert. Derart explizit, sodass die Maskenbildner und Kostümdesigner mehr als nur einen Oscar verdient hätten. Und auch die visuellen Effekte, werden einem für immer im Kopf bleiben. Insbesondere das CGI der Drogenexzesse oder das Gestalten von Wunden, Verletzungen und Leichen ist hyperrealistisch, sodass man eine Freigabe ab 18 Jahren nicht in Frage gestellt hätte (der Film ist ab 16 freigegeben).

Ausgestopfte Leichen, vermeintlich „echtwirkende“ Verletzungen und zermatschte Körperteile brennen sich in die Netzhaut ein. Und dabei ist es gruselig, wie ästhetisch derart Schreckliches dargestellt werden kann.

Der Film versteht sein Handwerk. Banale Szenen wirken so passiv aggressiv, dass einem richtig unwohl wird. Der Film zieht sich und würde der dritte Akt einen nicht völlig in den Bann ziehen und einem den Atem rauben, würde vielleicht sogar ein Gefühl von Langeweile aufkommen. Aber die nicht sehr lustige Komik, das Unbehagen das ausgelöst wird und der langsame und brutale Schatten der sich über alles zieht, löst eine immense Spannung aus und man kann seine Augen mit der Zeit nicht mehr von der Leinwand lösen.

Es stimmt, wenn Ari Aster sagt, dass der Film nicht mit „Herreditary“ verglichen werden kann. Auch wenn das ein oder andere ähnliche Thema angesprochen wird, schlägt dieser Film zwar wieder eine Arthaus-Richtung ein, aber so anders, etwas Vergleichbares kennt man nicht. Denn während in „Herreditary“ Schatten und Dunkelheit Unbehagen ausgelöst hat, wie man es nun auch aus Horrorfilmen kennt, wird hier dem Zuschauer der Horror auf dem Silbertablett im strahlenden Sonnenlicht serviert und man hat keine Möglichkeit davor zu fliehen. Alles hell, alles sichtbar.

Ein Film so ästhetisch, dass es einen erschreckt.

Kriterien:

  1. 9/10 Drehbuch: das Drehbuch ist herausragend; viele der Kritiker meinten, auch wenn Ari Aster es nicht will, man müsse die Film zwangsläufig mit seinem Filmdebut vergleichen, weil anfangs ähnliche Themen angesprochen werden, dem kann ich mich aber nicht anschließen; etwas derartiges hat man noch nie gesehen und es wird einem eine Geschichte präsentiert, die einem auf lange Sicht noch sehr lange beschäftigen wird: Familiendrama, Amerikakritik, Freundschaft
  2. 8/10 Protagonisten: die Nebencharaktere liefern allesamt grundsolide Performances ab; können dabei zum Teil besondere Erwähnungen finden, aber keine Jahrhundertleistungen, würden aber auch der eigentlichen Protagonistin, Florence Pugh die Show stehlen, denn es ist ihr Film, ihre herausragende Charakterdarstellung
  3. 10/10 Kameraarbeit: die Lichtsetzung ist erschreckend schön und brutal; lange Kamerafahrten, ruhige Kameraführung führt den Zuschauer ins Geschehen ein, bis sie ohne Vorankündigung dynamischer wird und den Zuschauer durch den Film stellenweise rennen lässt, nur um im Anschluss, wieder alles auszubremsen
  4. 10/10 Szenenbild: noch nie etwas derartig schönes, ästhetisches und schreckliches zugleich gesehen; unglaubliche Lichtsetzung; nichts bleibt dem Zuschauer verborgen
  5. 10/10 Kostüm, Make Up, Visual Effects: man kann diese Kategorie nur sehr kurz zusammenfassen: erschreckend und brutal ästhetisch

9,4/10 Gesamtwertung

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