Am 21. Mai diesen Jahres feiert Tarantinos 9. Film (auch wenn sich über die Anzahl seiner Filme streiten lässt, Stichworte „Regie“, „Gastregie“, „Produzent“ etc.) auf den 72. Filmfestspielen von Cannes seine Uraufführung und nahm dabei am Wettbewerb um die Goldene Palme teil. In den Kinos sollte er dann ursprünglich am 9. August 2019, der 50. Todestag von Sharon Tate, anlaufen, startete dann aber bereits am 26. Juli in den USA und am 15. August in den deutschen Kinos.
Quentin Tarantino hat in der jüngsten Vergangenheit oftmals erwähnt, dass er nach seinem zehnten Film in den Ruhestand gehen möchte, einzig und allein zu einem „Star Trek“-Film würde er sich noch überreden lassen. Wie final diese Entscheidung nun aber tatsächlich ist wird sich dann in der Zukunft herausstellen. Wäre zumindest nicht das erste mal, dass ein Filmemacher aus seinem Ruhestand zurückkehrt.
Die Handschrift Tarantinos in seinen Filmen ist unverkennbar und es gibt immer wiederkehrende Stilmittel, die einen in der Regel sofort erkennen lassen, wenn man vor einem Tarantino-Streifen sitzt. Seien es die eindringlichen und aggressiven Dialoge, der exzessive Einsatz von roher Gewalt oder einer Menge Filmblut oder der Wechsel zwischen schnellen und dynamischen Cuts, die im Gegensatz zu den oft sehr langen Kamerafahrten stehen. Tarantino ist geübt darin, Dynamik zu erzeugen. Und irgendwie schafft er es auch in diesem Film das alt bekannte Muster einzusetzen und dennoch kommt einem das Geschehen immer wieder sehr langsam und fast schon ein wenig träge vor. Und damit eine neue spoilerfreie Filmkritik.
Tarantino möchte mit dem derzeitigen Hollywood und seinen Blockbustern abrechnen und probiert neue Methoden und Ideen aus und ändert das komplette Tempo des Films, sodass nicht mal mehr gesagt werden kann ob der Film in drei Akte oder überhaupt in irgendwelche Akte gegliedert ist. Dadurch wirkt der Film aber stellenweise etwas zäh und langsam. Könnte auch daran liegen, dass die leider bereits verstorbene Cutterin vieler Tarantino Filme (bspw. „Pulp Fiction“, 1994) hier, wie schon damals in „The Hateful Eight“ (2015) sehr vermisst wird. Sie sorgte immer für das „Andersartige“ und vor allem für rasante und eine fast schon „über“-dynamische Kameraführung. Dagegen wirkt „Once Upon A Time In Hollywood“ doch schon fast ein wenig ermüdend.
Es ist, wie der Titel schon verrät, ein Hollywood-Märchen mit viel Ironie und eine Anprangerung der Monotonie des derzeitigen aber auch damaligen (60er Jahre) Filmemachens. Es werden, wie im Märchen viele Nebencharaktere eingeführt, die aber zwangsläufig nicht unbedingt ausschlaggebend für die Story sein müssen. Ganz im Gegenteil, meist sind sie nur Mittel zum Zweck, während hier im Mittelpunkt tatsächlich nur zwei Darsteller stehen. Die Protagonisten des Films: Rick Dalton (gespielt von Leonardo DiCaprio) und Cliff Booth (gespielt von Brad Pitt).
Zwei fiktive Charaktere, die in ein relativ reales Setting geworfen werden, jedoch mit viel Fantasie. Es wird einem eine Hommage des Hollywoods der 60er dargeboten. Dabei hält sich Tarantino an einige Persönlichkeiten, die es wirklich gab (bspw. Sharon Tate, welche wider Erwarten nicht der Mittelpunkt der Story ist oder auch Roman Polanski, das damals sehr konservativ und kritisch beäugte Paar und später auch Ehepaar).
Vorab verrät Tarantino in Interviews, dass sich sein Film rund um die Manson-Morde und Sharon Tate drehen würde, was allerdings nur bedingt der Fall ist. Zwar taucht Charles Manson um es genau zu sagen in einer einzigen Szene auf, aber dafür spielen seine Jünger immer wieder und insbesondere gegen Ende eine wichtige Rolle. So spielt der Film mit den Erwartungen der Zuschauer und somit auch mit der Fallhöhe verschiedenster Charaktere. In Szenen in denen Charles Manson Cliff Booth zuwinkt mit einem schiefen Lächeln, erahnt man eigentlich schon ein gewisses Foreshadowing. Und das ist es auch, mehr oder weniger. Tarantino dreht ganz einschneidende Geschehnisse um und schreibt damit ein Drehbuch, dass sich nur lose an der Realität orientiert, bis er an einen Punkt kommt, an dem er die Realität verändert.
Sharon Tate und Rick Dalton sind in der Geschichte Nachbarn. Sharon Tate gerade frisch eingezogen. Und eines Nachts, beide nichts ahnend, ziehen die Manson-Jünger los mit dem Ziel zu morden, ganz gleich wen. Und in dem Moment, wenn man als Zuschauer bemerkt, dass die angehenden Mörder in die Straße einkehren, in der Sharon Tate wohnt rechnet man bereits mit dem schlimmsten und man erwartet die Geschichte nun live mitzuerleben.
Aber genau hier dreht Tarantino den Spieß um und anstatt, dass sie Tate umbringen, verirren sie sich in das Haus von Rick Dalton, direkt gegenüber, wodurch der aufregendste und blutigste Teil, in aller Tarantino-Manier, auf einen zurollt. Passend dazu ein Zitat von Brad Pitts Charakter Cliff Booth: „Jetzt kommt der Zug ins Rollen“.
Auch wenn diese Aussage aus dem Kontext des Films gerückt ist, passt sie vom Ablauf der Geschichte perfekt. Denn die ersten 1 1/2 bis zwei Stunden weist der Film tatsächlich einige Längen auf, da jede Szene gefühlt zwei bis drei Sekunden zu lang geraten ist. Gleichzeitig baut der Film an vielen Stellen die Spannung auf (bspw. in der Szene als man zum ersten mal Charles Manson sieht) nur um dem Zuschauer auflaufen zu lassen und ihm zu zeigen, dass doch nichts schlimmes passiert.
Dies kann man zwar durchaus als klugen Schachzug ansehen, aber diese Taktik kannibalisiert sich selbst auf Dauer, wenn tatsächlich alles nur sehr schleppend von Szene zu Szene trägt bis zum finalen Showdown, in welchem sich dann die Ereignisse überschlagen sollten: blutig, gewalttätig, Stichwort: Kopf auf Tischkante.
Und auch im Showdown lebt die Story wieder vom Foreshadowing. Brad Pitt und Leonardo DiCaprio erleben in ihrer Karriere als Stuntman und Schauspieler immer wieder lustige und aufregende Abenteuer oder interessante Drehtage. Dabei lassen sie nicht selten das eine oder andere Requisit mitgehen, welche am Ende des Films ihnen beiden das Leben retten und den Film damit enden lassen sollte.
Typisch für Tarantino-Filme entwirft der Regisseur hier, mit Rick Dalton erneut eine Figur, die als Schauspieler innerhalb des Films wieder einen anderen Charakter oder, wie in diesem Fall, mehrere verschiedene Charaktere spielt (vgl. ähnliche Szenen aus „Django: Unchained“ oder „Inglorious Bastards“). Das ist ganz großes Drehbuchschreiben (Metaebene) für ganz großes Schauspiel, sodass es einem als Zuschauer nicht schwer fällt die Performance Leonardo DiCaprios einfach nur ins Herz zu schließen.
Die Kulisse, die für den Film erschaffen wurde ist ebenso atemberaubend, wie die Kostüme und jegliche Requisiten. Das Szenario ist, wie bereits erwähnt eine Hommage an das Hollywood der 60er Jahre und dabei sehr märchenhaft erzählt. Da stimmt zwar vieles, aber manchmal wird die Geschichte zugunsten der Story angepasst und manchmal sogar verändert. So sehen wir bspw. ab und zu Filmplakate, die aber zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht im Kino liefen. Oder aber wird mit vielen Filmklischees gespielt, insbesondere mit Martial Arts.
Martial Arts galt damals, als „der Filmkampfsport“. Bruce Lee hat mit vielen Filmen der 70er, aber eben auch der 60er Jahre gezeigt, dass man sich mit dem sinoamerikanischen Kampfkünstler besser nicht anlegen sollte. Doch gerade er kommt in diesem Film nicht gut weg.
Denn wieder werden Filmklischees einfach umgedreht. Große Jungs, wie Rick Dalton werden von einem kleinen Mädchen zum Heulen gebracht, aufgrund ihres schauspielerischen Talents, während Martial Arts Legenden, wie Bruce Lee (interessant verkörpert durch Mike Moh) zunächst die ganze Zeit kämpfen wollen, nur um dann von einfachen Bodyguards, wie Cliff Booth einer ist, „verkloppt“ zu werden. Eine Szene die des Weiteren für viel Gesprächsstoff sorgte, sodass sich sogar die direkten Verwandten Bruce Lee’s empörten und sich über seine arrogante Charakterdarstellung aufregten, da er unglaublich selbstgefällig und angeberisch wirkt, aber im nächsten Moment von einem einfach Stuntman gegen ein Auto geschleudert wird. Jedoch verteidigte sich Quentin Tarantino und behauptete, dass alle Drehbuchentscheidungen auf guter und umfangreicher Recherche beruhen.
Jedoch dominieren, wie immer die Dialoge das Filmgeschehen, das liegt daran, dass tatsächlich relativ wenig passiert, im Vergleich zu fast drei-stündigen Lauflänge. Allerdings ist der Inhalt der Dialoge nicht immer von immenser Wichtigkeit oder Bedeutung.
Wir sind es häufig gewohnt, bei vermeintlich sehr gut geschriebenen Filmen auf jede Szene und jedes noch so kleine, aber dennoch ausgesprochene Wort zu achten, da es schließlich für den späteren Verlauf des Films wichtig werden könnte. Und genau mit dieser Grundhaltung der Zuschauer spielt Tarantino. Er wirft sehr viel Exposition hinein und relativ unwichtige Dialoge um falsche Fährten zu legen. Das kann man natürlich einerseits als klugen Schachzug sehen oder aber auch als etwas langweilig, wenn tatsächlich einfach zu wenig von Bedeutung passiert oder gesagt wird.
Somit entsteht ein visuell beeindruckender Film, der aber immer wieder seine Längen in der Spielfilmzeit aufweist. Ein weiter Kritikpunkt ist die Inszenierung von Sharon Tate, sehr nett gespielt von Margot Robbie. Letzten Endes werden nämlich sie und ihr vermeintlicher Tod wahnsinnig instrumentalisiert und einfach dafür verwendet die Story voranzutreiben, aber sie selbst oder auch Roman Polanski nehmen definitiv keine tragenden Rollen für den Film ein.
So überrascht der Film ohnehin mit einem sehr speziellen Fokus auf die Geschichte der Manson-Morde, bzw. eben keinen Fokus. Stattdessen erzählt er eine sehr nette Entwicklung einer Freundschaft zwischen dem Schauspieler und seinem Stuntman, eingebettet in ein grausames und brutales Ausgangsszenario.
Das besondere an dem Film ist außerdem, dass so viele noch so kleine Rollen mit alteingesessenen Stars besetzt wurden, wie eben Margot Robbie, Al Pacino oder auch Kurt Russel.
Allerdings ändert das nichts an der Tatsache, dass die Story etwas wirr bleibt. Denn wie der Titel schon sagt, erzählt der Film einfach von verschiedenen Szenarien aus Hollywood. Zum einen vom fiktiven Schauspieler Rick Dalton und seinem Stuntman, von Sharon Tate vor ihrem Tod und sehr lebendig, von den Manson-Jüngern und sehr kurz sogar über Charles Manson selbst.
Nur normalerweise ist man es von Tarantino-Filmen (wie bspw. „Pulp Fiction“) gewohnt, dass all diese Handlungstränge am Ende zusammenführen. Tun sie nicht. Und so bleibt der Zuschauer, wenn sich der Kinovorhang schließt mit vielen Fragen zurück und Tarantinos Absicht dabei war wohl, den Zuschauer darüber nachdenken zu lassen, was ist nun echt und was nur Geschichte.
Der Film hat seine Längen und der Film kommt nicht ganz ohne Continuity-Fehler aus. Aber er macht Spaß und regt, ganz klischeehaft, zum Nachdenken an. Auch wenn es ganz bestimmt nicht Tarantinos bester Streifen ist, so sind die meisten seiner Filme sowieso eine sehr hohe Messlatte.
Der Film ist ein relativ großes Wirrwarr, dass sich am Ende nur bedingt auflöst oder ersichtlich wird und dennoch kann die Story auf ihre Weise wunderbar unterhalten.
Kriterien:
- 6/10 Drehbuch: kein Meisterwerk, aber ein sehr interessanter Ansatz Geschichte einfach mal zu verdrehen; ABER: wie weit darf man dabei moralisch gehen?; Story hat immer wieder seine Längen, da hilft dann auch nicht die dynamische Kameraführung
- 9/10 Protagonisten: die Hauptdarsteller sind allesamt großartig, ohne Ausnahme, insbesondere Leonardo DiCaprio liefert eine der vielen Performances seines Lebens ab
- 7/10 Kameraarbeit: die Kameraarbeit ist dynamisch, aufregend und immer wieder sehr ästhetisch
- 9/10 Szenenbild: das Szenenbild ist eines der besten seit langer Zeit; es wird komplett auf CGI verzichtet und dadurch sieht alles echt und wertig aus
- 9/10 Kostüm, Make Up, Visual Effects: Kostüme und Make Up sind diesmal recht praktisch gehalten sind aber in diesem Rahmen bunt und fügen sich gut ins Szenenbild mit ein; während dessen sind die Visual Effects wie immer praktisch und nicht digital und das gibt dem Film eine noch höhere Wertigkeit
8/10 Gesamtwertung

