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Filmkritik: „Wir“

Es ist längst bekannt, dass Jordan Peele ein kreatives Genie ist, sowohl bei potentieller Komik, als auch Horror und Spannung. Bekannt geworden als die eine Hälfte des Comedy-Duos Key&Peele erfreute er sich, vor allem in den USA auf dem Fernsehsender Comedy Central, großer Beliebt- und Bekanntheit.

2017 feierte er dann mit „Get Out“ sein Filmdebut. Ein Film der mit seinem schmalen Budget von $ 4,5 Millionen und einem Box Office von über $ 250 Millionen einer der erfolgreichsten Horror-/Thriller-Filme ist.
Bei diesem Werk kristallisierte sich heraus, dass Peele, wie er auch bereits in einem Interview erwähnte, aufzeigen wollte, wie eine schwarze Person, in einer weißen Welt, lebt und sich in diese etabliert.

Als bekannt wurde, dass Jordan Peele seinen zweiten Film ins Rennen schickt und der vorläufige Score auf Rotten Tomatoes sogar ganze 100% betrug (Tendenz sinkend), war der Hype der Fans kaum in Grenzen zu halten. Welches Potenzial dieser Film tatsächlich in sich birgt und ob Peele ein zweiter Klassiker gelungen ist, erfahrt ihr in einer neuen spoilerfreien Filmkritik.

Im Zentrum des Filmes „Wir“ (Originaltitel: „Us“) steht der Charakter Adelaide. Als Kind gespielt von Madison Curry, aber als Hauptperson überragend verkörpert von der Oscar-Gewinnerin Lupita Nyong’o.
Der Plot des Films ist sehr vielschichtig und komplex und wird garantiert den einen oder anderen Kinozuschauer mit vielen Fragen und unter Umständen auch unzufrieden im Kinosaal zurücklassen.

Die junge Adelaide Thomas besucht mit ihren Eltern einen, am Strand gelegenen, Freizeitpark in Santa Cruz. Während ihre Mutter mit ihrem dosenwerfenden Vater über Verantwortung und Kindeszuwendung diskutiert, entfernt sich das kleine Mädchen von ihren Eltern. Mystik liegt in der Luft, als sie sich nach ihrem Spaziergang nachts alleine in einem dunklen Spiegellabyrinth wiederfindet. Wie ein dunkler Wald sieht dieses aus, in welchem sie umher irrt um den Ausgang zu finden.
Plötzlich trifft sie auf eine Gestalt, einen Menschen, ein kleines Mädchen, wie sie eines ist. Aber sie geht auch wie sie und sie sieht aus wie sie. Ein Moment der Stille kommt auf.
30 Jahre später kehrt Adelaide Gabe Wilson, verheiratet, mit ihrer Familie und Freunden an diesen Strand zurück. Seltsame und gruselige Zufälle verängstigen schnell die junge Frau und ein dunkler Schatten legt sich über die Familie. Und als nicht nur ihre Doppelgängerin aus dem Untergrund wiederkehrt, häufen sich diese vermeintlichen Zufälle und haben stets brutalere Folgen.

Der Regisseur und Drehbuchautor Jordan Peele ließ bereits im Vorfeld verlauten, dass es sich bei „Wir“ (2019) nicht um ein zweites „Get out“ (2017) handelt. Zwar steht erneut eine afroamerikanische Hauptperson im Vordergrund, aber das Thema „Rassismus“ tritt komplett in den Hintergrund.
Bevor die Dreharbeiten beginnen sollten, nannte Jordan Peele seinen Akteuren 10 Horrorfilme (unter anderem Stanley Kubrick’s „Shining“ aus dem Jahr 1980). Er wollte seinen Darstellern eine Vorstellung geben, welche Richtung er mit seinem Film einschlagen möchte. Und diese schaffen es gekonnt seine Vision umzusetzen.

Lupita Nyong’o („Black Panther“, 2018) ist der, nicht ganz geheime Star, des Films. Bereits in den Trailern konnte man ihr schauspielerisches Talent und die Intensität, mit der sie ihre beiden Rollen verkörpert, bewundern. Da jeder Schauspieler seinen eigenen Charakter und den jeweiligen Doppelgänger verkörpert, der zwar äußerliche Ähnlichkeiten aufweist, aber jeweils einen ganz anderen Charakter innehat. Lupita Nyong’os Darstellung ihrer Doppelgängerin und des Originals ist dabei aber mit Abstand am verrücktesten/freakigsten/intensivsten ausgefallen. Vor allem ihre Lache und Fortbewegung bleibt einem doch nachhaltig im Kopf und sie ist es auch, die es schafft, dass man sich zumindest vereinzelt gruselt, während des etwas zu lang geratenen Films.

Alle anderen liefern sehr solide schauspielerische Leistungen ab und es gab keinen Charakter, der sich Fehl am Platz anfühlte.

Der Film lässt definitiv nicht nur eine Interpretationsmöglichkeit offen. Aber die Sozial- bzw. Gesellschaftskritik sticht erneut klar hervor. Die Welt in der die Menschen des Films leben, wird sehr metaphorisch in die Ober- und Unterwelt eingeteilt. Dabei werden den Menschen aus der Unterwelt klare Privilegien verwehrt und sie haben nicht die gleichen Entfaltungsmöglichkeiten, wie ihre Doppelgänger an der Oberwelt – eine klare Anspielung auf die verschiedenen Gesellschaftsschichten, mit unterschiedlichem Einkommen und leider auch oft den einhergehenden geringeren Bildungschancen.

Am auffälligsten war aber, dass die Menschen der Unterwelt von ihren privilegierten Doppelgängern wussten, aber umgekehrt eben nicht. Das stellt auch wunderbar dar, wie wenig sich die Wohlhabenden für geringverdienende und gesellschaftlich-abgehängte Menschen interessieren und häufig ihr eigenes Wohl über alles andere stellen.
Die Schere, die bereits in den Trailern immer wieder zu sehen war, stellt dabei das wichtigste Symbol des Films dar. Eine Schere besteht immer aus zwei Teilen, zwei Klingen und ohne die jeweils andere ist das Schneiden in dieser Form nicht möglich. Zwei identische Klingen, die ein ganzes geben. Sowie die Ober- und Unterschicht. Die Eine gäbe es nicht ohne die Andere. So wie es keine Spitzenverdiener, ohne Geringverdiener geben kann. So wie es keinen Reichtum, ohne Armut gibt.

Der Film spricht damit thematisch ein sehr wichtiges Thema an. Problematisch wird es nur, wenn man es als Zuschauer nicht versteht. So kann der Film durchaus seine Längen haben. Momente in denen scheinbar nichts wichtiges passiert oder man nicht versteht, was Jordan Peele einem nun sagen möchte, ziehen sich und es kann vorkommen, dass man sogar ein Gefühl von Langeweile verspürt. Und das ist bei einem derart wichtigem Thema, wie diesem sehr schade.

„Wir“ ist ein Film der Arthaus-Charakter in sich trägt. Es ist kein Horrorfilm und auch kein Thriller – er ist nicht gruselig. Es ist Gesellschaftskritik auf dem höchsten Niveau. Und wenn man es schafft sich das vor Augen zu führen und die Erwartungen dementsprechend anzupassen, wird der Film zu einem ganz besonderen Seherlebnis.

Kriterien:

  1. 5/10 Drehbuch: in der Theorie ein geniales Drehbuch und eine geniale Geschichte, wenn man es versteht (ist aber nicht zwangsläufig der Fall); kein Horrorfilm und wird deshalb viele unzufrieden zurücklassen; ohne Erwartungen den Film anzuschauen wird helfen, ihn zu verstehen; die Umsetzung hätte besser ausgefeilt werden müssen; der Film ist etwas zu lang geraten und wird zu keiner Sekunde gruselig (wird dadurch den Erwartungen nicht gerecht)
  2. 9/10 Protagonisten: die schauspielerische Leistung ist atemberaubend; die Tatsache, dass jeder sich selbst und seinen Doppelgänger spielt und das nochmal komplett anders, ist sehr eindrucksvoll
  3. 7/10 Kameraarbeit: die Kamera fängt tolle Bilder ein; die Farben sind satt und Kamerafahrten sehr ruhig; immer wieder besondere Einstellungen (bspw. Vogelperspektive); setzt zu keiner Sekunde auf Jump-Scares, könnte deshalb Horror-Fans unzufrieden stimmen
  4. 7/10 Szenenbild: die Kulisse und das Szenebild ist mit das Beste, was man seit einer sehr langen Zeit in einem Thriller bestaunen durfte; allerdings gibt einen regelrechten Over-Load von Symbolik und Metaphorik, kannibalisiert sich auf Dauer selbst
  5. 8/10 Kostüm, Make-up, Visual Effects: das Kostüm ist banal, simpel aber creepy; sehr authentische Verletzungen

7,2/10 Gesamtwertung

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